Interview

Caja Thimm: „Digitale Souveränität lässt sich nicht nebenbei auf dem Schulhof lernen”

von Torben Bennink
mit Caja Thimm
veröffentlicht am 22.08.2025
Lesezeit: 10 Minuten

Der Anspruch, sich in einer Kultur der Digitalität selbstbestimmt und reflektiert zu bewegen, stellt hohe Anforderungen an alle Beteiligten des Schulsystems: Schüler:innen und Lehrkräfte müssen die nötigen Fähigkeiten erwerben, Verwaltung und Politik passende Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Anlässlich der Konferenz Bildung Digitalisierung 2025 (KonfBD25) erklärt die Medienwissenschaftlerin Caja Thimm im Interview, welche Strukturen es in den Schulen braucht, welche zusätzlichen Herausforderungen generative Künstliche Intelligenz (KI) bereithält – und wieso sie die Zielperspektive Medienkompetenz für unzureichend hält. Auf der KonfBD25 spricht sie am 24. September 2025 zum Auftakt zum diesjährigen Motto der Leitkonferenz für Schule in der Kultur der Digitalität:  „POWER UP – Souverän für die digitale Transformation“.

Was bedeutet der Begriff digitale Souveränität?

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Politikwissenschaft und bezieht sich auf die nationale Souveränität in Bezug auf digitale Technologien. Damit ist gemeint, dass man verhindern will, dass einige Länder ein Monopol auf bestimmte Technologien haben, wie das aktuell bei den sogenannten „Sozialen Medien“ der Fall ist und nun auch für die KI droht. Wenn man als Staat, Institution oder Unternehmen auf diese Technologien angewiesen ist, gerät man in ein Abhängigkeitsverhältnis, verliert also staatliche bzw. politische Autonomie. In Bezug auf die einzelne Person verstehe ich digitale Souveränität als Teilaspekt allgemeiner Souveränität – also faktisch als Teil der Persönlichkeit. Sie ist eng verknüpft mit der Fähigkeit zur unabhängigen Kontrolle in Bezug auf die Nutzung und Gestaltung digitaler Systeme.

»Natürlich ist digital souveränes Handeln an individuelle Voraussetzungen wie Medienkompetenz gebunden. Das Konzept nimmt aber gleichzeitig die Politik in die Pflicht.«

Prof. Dr. Caja Thimm

In einem Aufsatz schreiben Sie, der Begriff Medienkompetenz sei überholt und sollte durch den Begriff der digitalen Souveränität ersetzt werden. Warum?

Dem Konzept der digitalen Souveränität liegt ein anderes Menschenbild zugrunde. Wir betrachten das Agieren in digitalen Räumen nicht als etwas Zusätzliches, wie es der Begriff der Kompetenz tut, sondern als natürlichen Teil des Lebens, also als „digitale Lebenswelt“. Die Forderung nach digitaler – oder eigentlich technologischer – Souveränität entspricht also in einem breiten Verständnis dem Wunsch nach Selbstbestimmung und personaler Autonomie, die auch in Bezug auf digitale Technologien gelten soll. Natürlich ist digital souveränes Handeln trotzdem an individuelle Voraussetzungen und Skills wie Medienkompetenz gebunden. Das Konzept nimmt aber gleichzeitig die Politik in die Pflicht und fordert von ihr, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, digitale Technologien selbstbestimmt und unter eigener Kontrolle nutzen zu können.

Werfen wir einen Blick in die Forschung: Wie steht es um die Fähigkeit von Schüler:innen, digitale Technologien souverän zu nutzen?

Die aktuellen Studien zeigen, dass – um es vorsichtig zu formulieren – sehr viel Luft nach oben ist. Wir wissen, dass Schüler:innen sehr unterschiedlich dazu in der Lage sind, mit diesen Technologien umzugehen. Auch die sozialen Unterschiede sind groß, die Fähigkeiten hängen, wie der Bildungserfolg insgesamt, leider stark vom Elternhaus ab. Da geht es dann darum, über welche Technologien und Endgeräte die Familie verfügt, inwiefern man zu Hause mit den Eltern über diese Themen sprechen kann. Und natürlich spielt auch die Infrastruktur in der Schule eine Rolle, aber die schlechte Ausstattung deutscher Schulen ist ja spätestens seit der Pandemie allseits bekannt.

»Wenn wir uns digitale Souveränität als persönliches Wachstum der Schüler:innen vorstellen, braucht man dafür eine bessere Infrastruktur, andere Lehr- und Lernformen, andere Fortbildungskulturen. Das heißt dann praktisch, dass nicht die Physiklehrerin nebenbei noch den Netzadmin machen kann.«

Prof. Dr. Caja Thimm

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Organisation Schule?

Grundlegend möchte ich festhalten, dass die Schule für mich der Ort ist, an dem digitale Souveränität eine wichtige Rolle spielen sollte. Für dieses Ziel bin ich seit vielen Jahren in diversen politischen Gremien aktiv. Gleichzeitig weiß ich, dass das ein hoher Anspruch ist und dass die Schulen mit der Vielzahl von Aufgaben heute schon häufig überfordert sind. Aber wenn wir uns digitale Souveränität als persönliches Wachstum der Schüler:innen vorstellen, braucht man dafür eine bessere Infrastruktur, andere Lehr- und Lernformen, andere Fortbildungskulturen. Das heißt dann praktisch zum Beispiel, dass nicht die Physiklehrerin nebenbei noch den Netzadmin machen kann. Und zuletzt brauchen wir auch mehr soziales Miteinander, um die gravierenden Herausforderungen im digitalen Raum besprechen zu können.

Wie ist es um die Zusammenarbeit der Schulen mit Politik und Verwaltung in diesem Kontext bestellt?

Am Beispiel des DigitalPakt Schule fand ich es symptomatisch, wie Politik und Schule beide das Gute wollten, aber teilweise aneinander vorbei kommuniziert haben. Der DigitalPakt sollte ja vornehmlich Endgeräte zur Verfügung stellen. Die Schulen sollten wiederum einen Plan für ihren pädagogischen Einsatz entwickeln. Die Folge war ein einziges Rätselraten in der Hälfte der Republik: Wer kann so einen Plan machen? Wie soll er aussehen? Es hätte allein dafür also Lehrkräfte gebraucht, die sich mit diesen Technologien auskennen. Davon gab es aber zu wenige. Deswegen haben viele Schulen erst spät überhaupt angefangen, die Finanzmittel einzusetzen. Das ist also ein Beispiel dafür, wie Politik es gut meint, aber die Realität in den Schulen völlig aus dem Blick verliert.

Wie lässt sich diesem Problem begegnen?

Es braucht eine engere Kommunikation, um diese Planungsfehler zukünftig zu vermeiden. Der Grundfehler in unserem föderalen System liegt im Kooperationsverbot zwischen der Bundes- und der Landesebene. Das halte ich für fatal. Die Politik muss auf allen Ebenen, auch in den Kommunen, gemeinsam die richtigen Prioritäten setzen.

»Die Vorstellung, man könne die nötigen Fähigkeiten ‚on the go‘ wie auf dem Schulhof erlernen, ist naiv und entspricht nicht der Realität der technologischen Entwicklung. Und mit der Künstlichen Intelligenz wird es noch viel, viel komplizierter als bisher.«

Prof. Dr. Caja Thimm

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Das betrifft etwa die Lehrkräfteausbildung. Seit vielen Jahren werben viele Personen innerhalb der Hochschulen dafür, die Lehramtsstudiengänge mit verpflichtenden Modulen für digitale Souveränität auszustatten. In Nordrhein-Westfalen hatte sich eine Kommission einstimmig dafür ausgesprochen, mindestens sechs oder sieben neue Lehrstühle rund um das Thema aufzubauen. Damit hätten wir eine neue Generation von Lehrkräften systematisch qualifizieren können. Die Pläne sind aber dem Sparzwang in der Wissenschaft zum Opfer gefallen. Die Vorstellung, man könne die nötigen Fähigkeiten „on the go“ wie auf dem Schulhof erlernen, ist aber leider total naiv und entspricht nicht der Realität der technologischen Entwicklung. Und mit der KI wird es noch viel, viel komplizierter als bisher.

Welche Herausforderungen sind das, die durch die Verbreitung generativer KI aktuell noch hinzukommen?

Im Kontext von AI-Literacy kommt da eine Menge auf uns zu. Um nur einige Dinge anzusprechen: es geht es zum Beispiel um ethische Fragen, die im europäischen Kontext im Sinne des AI-Acts zu beantworten sind. Außerdem müssen Kinder und Jugendliche in der Lage sein, KI-basierte Desinformation zu erkennen. Die Verbreitung ist durch KI ja nochmal deutlich leichter geworden. Gleichzeitig ist es erforderlich, die KI als Instrumentarium des Wissenserwerbs sinnvoll zu nutzen. Für Schulen in den USA spielen etwa KI-Agenten schon eine Rolle, diese basieren auf einer speziellen Version von ChatGPT, nämlich ChatGPT Edu. Diese Entwicklungen zeigen jedoch auch, welches massive wirtschaftliche Interesse hier eine Rolle spielt. Die Frage, ob und wie man diese persönlichen Assistenten für Lernprozesse in Deutschland nutzen möchte, muss unbedingt breiter diskutiert werden. Wenn Schulen unter Umständen auch autonom entscheiden, in welcher Form sie das einführen möchten, werden wir bald eine soziale Schieflage in Bezug auf AI-Literacy an Schulen bekommen.

Der Lehrer und Influencer Bob Blume berichtete kürzlich von einem Experiment in seinem Unterricht, bei dem der TikTok-Algorithmus mit bestimmten Nutzungsgewohnheiten gefüttert wurde. Es zeigte sich, dass nach einer Nutzungszeit von wenigen Minuten klare inhaltliche Schwerpunkte gezeigt wurden, die sich im Anschluss kaum mehr verändern ließen. Inwiefern kämpfen wir in der Auseinandersetzung mit den großen Tech-Konzernen gegen Windmühlen?

Dieses Spiel habe ich meinen Studierenden auch schon mehrfach gespielt. Es dauert erfahrungsgemäß maximal eine Stunde, bis man mit dem Algorithmus quasi verheiratet ist. Aber mit etwas Mühe und Zeit lässt sich das durchaus auch ändern. Das macht nur keines von den Kids, weil sie es einfach nicht wissen. Aber die Probleme sind doch viel grundlegender – wie können wir in Europa generell unsere Werte auf den digitalen Plattformen durchsetzen? Welche Möglichkeiten haben wir, unsere Kinder vor teilweise unerträglichen Gewaltinhalten zu schützen?

»Ich muss den Kindern deutlich machen: Ihr sitzt ein Stück weit selbst am Steuer. Ihnen die Verantwortung für sich abzusprechen, ist nicht Teil meiner Vorstellung von Souveränität.«

Prof. Dr. Caja Thimm

Was muss passieren?

Wir werden in den deutschen Schulen nicht das kommerzielle System von TikTok ändern. Aber wir müssen uns, und das ist einfach die Realität, mit dem, was die Kinder auf diesen Plattformen sehen, in der Schule beschäftigen. Und da kommt eben die digitale Souveränität ins Spiel. Ich muss den Kindern deutlich machen: Ihr sitzt ein Stück weit selbst am Steuer. Also sucht doch aktiv nach anderen Hashtags oder Keywords. Der Algorithmus ist ja letztendlich eine Reaktion auf meine Medienaktivität. Den Kindern die Verantwortung für sich abzusprechen, ist nicht Teil meiner Vorstellung von Souveränität. Die Erzählung von den bösen Plattformen greift mir deswegen ein bisschen zu kurz. Sie impliziert, dass wir keinerlei Autonomie mehr hätten. Hätten wir aber, wenn wir schärfer in der gesetzlichen Regulierung wären.

Es gibt aktuell viele Debatten über Altersgrenzen für Social Media oder Verbote für bestimmte Geräte in der Schule. Was halten Sie vor dem Hintergrund der digitalen Souveränität von diesen Forderungen?

Meine heutige Einstellung dazu entsteht aus einem der größten Irrtümer meiner beruflichen Laufbahn. Ich komme aus einer Generation, die das Internet als den großen Treiber für Freiheit, Demokratie und soziales Miteinander angesehen hat. Deswegen hätte ich nie gedacht, dass ich der Fraktion angehöre, die ein Handyverbot in Schulen fordert. Das sollte es aber geben – am besten bis zum Alter von 16 Jahren. Wir sehen an Beispielen aus dem europäischen Ausland, dass die Kinder sich plötzlich entlastet fühlen. Am Anfang wissen sie gar nicht, was sie in den Pausen machen sollen, aber unter dem Strich steht nach meiner Wahrnehmung und diversen Studien eine andere Form des Miteinanders. Ganz klar: Nicht alle sind glücklich damit, aber ich bin inzwischen auf der Seite derjenigen, die für einen späten Zugang eintreten. Ich glaube nicht, dass es realistisch ist, Jugendliche bis zum Alter von 16 Jahren von sozialen Medien fernzuhalten – schon aus rechtlicher Sicht. Was aber die Schulen angeht: Sie haben ein Hausrecht. Und das sollten sie nutzen.

Zur Person

Prof. Dr. Caja Thimm studierte in München, Heidelberg, San Francisco und Berkeley Linguistik, Communication Studies und Politische Wissenschaft und promovierte an der Universität Heidelberg im Fachbereich Germanistische Linguistik. Sie war von 2001 bis zur Emeritierung 2024 Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn und forscht zu Künstlicher Intelligenz, Sozialen Netzwerken und zur Digitalen Demokratie.

Torben Bennink

Torben Bennink studierte Lehramt an Gymnasien an der Universität Osnabrück. Als freier Journalist schreibt er für Table.Briefings und Plan BD über Querschnittsthemen der Bildungspolitik und -forschung, unter anderem Digitale Transformation und Lehrkräftebildung.
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