Eine Fragestellung, fünf Perspektiven: Wie passen Digitalisierung und Inklusion zusammen?
Illustration: Inga Israel
Impuls

Eine Fragestellung, fünf Perspektiven: Wie passen Digitalisierung und Inklusion zusammen?

von Sofie Czilwik
veröffentlicht am 06.05.2021
Lesezeit: 11 min

Inklusion und Digitalisierung haben viele Berührungspunkte und sollten im schulischen Kontext daher zusammengedacht werden. Inwiefern können Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf von der digitalen Transformation profitieren? Welche Stolpersteine und Hindernisse gibt es dabei? Fünf Beteiligte berichten aus der Praxis.


Inken Meyer, Mitglied des Schulleitungsteams

»BEI UNS SIND ALLE SCHÜLER:INNEN INKLUSIV«

Über Inklusion sprechen wir an unserer Schule mittlerweile gar nicht mehr, weil sie selbstverständlich zu uns gehört. Für uns sind alle unsere 400 Schüler:innen inklusiv, egal ob sie gehörlos sind oder eine Lernschwäche haben oder eben nicht – denn jeder Mensch ist anders. Dafür wurden wir 2020 sogar als Hauptpreisträgerschule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Unser Leitbild lautet: Wurzeln geben, Vielfalt leben. Das Kollegium hat sich dieses Leitbild selbst ausgesucht und daran orientieren wir all unser Handeln. Auch mit den Kindern, die neu auf unsere Schule kommen, diskutieren wir am Anfang dieses Leitbild gemeinsam. Was sind unsere Wurzeln? Dazu gehört zum Beispiel Gesundheit, freie Meinungsäußerung oder Sichwohlfühlen. Dann überlegen wir, was aus diesen Wurzeln erwachsen kann: zum Beispiel, dass jeder so sein darf, wie er ist, oder dass jeder sein Potenzial entfalten kann. 

Digitale Geräte unterstützen uns bei unserem Selbstverständnis. Wir sind technisch gut ausgestattet, verfügen über ein Smartboard pro Klasse und über Laptops. Alle unsere Schüler:innen machen innerhalb der vier Jahre einen ComputerFührerschein, für den sie eine Grundeinführung in digitale Medien sowie ins Programmieren erhalten. Viel wichtiger für uns ist aber die Haltung, dass jedes Kind das bekommt, was es braucht, um selbstbestimmt lernen zu können. Alle Mitarbeiter:innen und Schüler:innen lernen bei uns ein Grundvokabular aus der Gebärdensprache – für die Kinder, die Schwierigkeiten haben, Sprache zu verstehen. Deshalb werden die Gebärden sprachbegleitend eingesetzt. Kinder, die sich lautsprachlich nicht äußern können, kommunizieren über einen Talker. Es ist uns sehr wichtig, dass alle Kinder zu Wort kommen und verstanden werden. Und wir fördern ganz explizit individuelles und selbstbestimmtes Lernen. 

In den Lernzeiten wählen die Schüler:innen selbstständig, in welchem Fach sie arbeiten möchten und welche Lerninhalte sie gerade bearbeiten müssen. Zur Unterstützung dient die Visualisierung der Lerninhalte in den Fachräumen sowie das Führen eines Lernbuchs. Seit Beginn der Pandemie verwenden wir das Tool Padlet, um ein digitales Klassenzimmer zu erstellen, in welchem die Kinder den einzelnen Fächern zugeteilte unterschiedliche Aufgabenformate finden, aus denen sie auswählen können. Weiter werden die Padlets genutzt, um den Mitschüler:innen Arbeitsergebnisse zu präsentieren. Der digitale Unterricht selbst findet in Videokonferenzen statt. Der Ablauf der Lernzeit aus dem gemeinsamen Lernen in der Schule konnte hierbei in großen Teilen übernommen werden. So beginnt die Lernzeit damit, dass jeweils ein Kind die anderen Kinder fragt, woran sie an dem Tag arbeiten möchten. In mehreren Lernzeiten die Woche wählen die Kinder ihre Lerninhalte selbst und setzen sich eigene Ziele. Unsere multifunktionalen Teams, bestehend aus Lehrkräften, Sozialarbeiter:innen und Assistenzen für die Kinder mit Beeinträchtigungen, unterstützen die Kinder. 

Diese Art zu lernen und lehren hat sich auch während der Pandemie bewährt: Die Lernzeiten konnten so problemlos nach Hause verlegt werden. Die Kinder mit Beeinträchtigungen bekommen nun Unterstützung durch ihre Assistenzen zu Hause. Natürlich ist das digitale Lernen für Kinder, die auf allen Aneignungsebenen lernen, gerade im Homeschooling eine Herausforderung. Manche Kinder lernen am besten, indem sie neue Buchstaben in den Schnee malen oder mit Smarties zu Hause das Zählen üben. Da müssen wir kreativ sein.

Inken Meyer verantwortet als Teil der Schulleitung den Bereich Inklusion an der Otfried-Preußler-Schule, einer Grundschule in Hannover.



Julius, Schüler

»ICH HABE ECHT ANGST BEKOMMEN«

Weil ich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche habe, verstehe ich neue Themen oft nicht so schnell. Im Präsenzunterricht werde ich oft durch meine Klassenkamerad:innen abgelenkt. In den Pausen muntern mich meine Freunde aber auf, wenn etwas in der Stunde nicht so gut geklappt hat. Am besten lerne ich, wenn ich mich alleine mit meinem Lehrer oder meiner Lehrerin austauschen kann. 

Wegen Corona geht das gerade nicht so gut: Wir lernen nur von zu Hause aus und haben gar keinen Präsenzunterricht. Online fällt es mir viel schwerer, mich auf den Unterricht zu konzentrieren, weil ich besser lerne, wenn mir ein Lehrer oder eine Lehrerin den Inhalt erklärt. Auf der anderen Seite merke ich, dass ich auf Tastaturen weniger Rechtschreibfehler mache, als wenn ich auf ein Blatt Papier mit der Hand schreibe. Insofern ist für mich das Schreiben im Homeschooling auf digitalen Endgeräten viel besser.

In Mathe, wo ich auch Probleme habe, fällt mir das digitale Lernen besonders schwer. Wir nutzen zur Zeit die Mathe-App Bettermarks und die gefällt mir gar nicht. Die Antworten können nur dreimal eingegeben werden, sind sie nicht korrekt, ist die Aufgabe für mich nicht mehr lösbar. Zwar wird der Lösungsweg angezeigt, selber lösen kann ich sie aber nicht mehr. Für mich ist es daher viel besser, die Aufgaben in einer Doc-Datei herunterzuladen und dort zu bearbeiten, als die App zu nutzen.

Mich alleine zu Hause zu organisieren, gelingt mir meistens ganz gut. Doch neulich ist mir was Blödes passiert: Unsere Aufgaben müssen wir in die Brandenburger Schulcloud hochladen. Fast ein halbes Jahr lang hatte ich meine Dokumente dort schon hochgeladen, angekommen sind sie aber nie. Ich hatte einfach nicht gewusst, dass man auf der Seite bis ans Ende scrollen muss, um die hochgeladenen Dateien auch zu speichern und dann abzuschicken. Erst kurz vor den Halbjahreszeugnissen habe ich davon erfahren. Da habe ich echt Angst bekommen, weil ich dachte, all meine Dokumente seien nicht angekommen. Ich habe sie dann einfach nochmal per Mail an meine Lehrer und Lehererinnen geschickt, obwohl wir eigentlich keine Anhänge versenden dürfen. Dadurch konnte ich mein Zeugnis retten.

Julius ist 17 Jahre alt und Schüler in einer 9. Klasse der Evangelischen Schule Neuruppin.


»Viel wichtiger für uns ist aber die Haltung, dass jedes Kind das bekommt, was es braucht, um selbstbestimmt lernen zu können.«

Inken Mayer


Christina Halbeck, Lehrerin

»DAS NIVEAU DER KLASSE HAT SICH VERSCHLECHTERT«

In meiner Klasse habe ich 36 Schüler:innen, sieben davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf, fünf davon den Förderschwerpunkt emotionalsoziale Entwicklung. Manche haben eine LeseRechtschreib-Störung oder Dyskalkulie. Ein Schüler von mir hatte vor ein paar Jahren einen Unfall, jetzt ist er körperlich eingeschränkt und nicht mehr in der Lage, sich alleine im Schulalltag zurechtzufinden. Da kommt also ganz schön viel zusammen. Im Moment unterrichten wir aufgrund der Corona-Pandemie nur digital. Wenn ich morgens mit dem Unterricht starte und sehe, dass schon über 30 Schüler:innen in unserem Online-Raum warten, bin ich sehr stolz. Unsere Schule war von jeher sehr weit in der Digitalisierung. Wir haben WLAN an der Schule und die Schulhomepage ist unsere Plattform für Kommunikation. Trotzdem war das Fernunterrichten eine große Umstellung für uns. Dass das online jetzt so gut klappt, war ein wochenlanger Prozess: Heute wissen alle, wann sie welche Aufgaben bearbeiten sollen und dass sie alle die Kamera angeschaltet lassen. Das ist mir sehr wichtig, damit trotz Distanz eine Art Klassengefühl entsteht.

Ich versuche, immer mit allen Schüler:innen im Kontakt zu sein und nachzufragen, wenn jemand seine Aufgaben nicht schickt. Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, in der wir uns austauschen, aber auch unsere Schulhomepage, über die ich einzelne Schüler:innen anschreibe.

Meinen Schüler:innen mit dem Förderbedarf „Lernen“ gebe ich auf ihr Lerntempo zugeschnittene Aufgaben. Ein Schüler kommt trotz Lockdown in die Schule, um hier vor Ort mit seiner Betreuerin zu lernen. Denn gerade für sie ist der Unterricht von zu Hause wirklich sehr schwierig. Sich zu organisieren und zu motivieren, ist für sie sehr schwer. Die Qualität der Hausaufgaben ist manchmal sehr fragwürdig. Generell habe ich den Eindruck, dass das Niveau der Klasse im Lockdown abgefallen ist. Die Aufgabenstellung wird oft nur zum Teil gelesen oder nicht verstanden. Viele trauen sich einfach nicht, nachzufragen, wenn etwas unklar geblieben ist.

Christina Halbeck unterrichtet Deutsch und Gesellschaftswissenschaften an der Evangelischen Schule in Neuruppin und ist Klassenlehrerin einer 9. Klasse.



Lea Schulz, Studienleiterin

»EINE KULTUR DER DIKLUSIVITÄT«

Digitale Medien bieten ein enormes Potenzial, den Unterricht inklusiv zu gestalten. Durch assistive Medien können die Beeinträchtigungen von Kindern kompensiert werden. Zum Beispiel kann eine App Texte für Schüler:innen vorlesen, die Probleme mit dem Lesen haben. Oder sie kann Texte in die eigene Muttersprache übersetzen. Sie gewähren ebenfalls Möglichkeiten der Individualisierung von Lernprozessen auf vielfältige Weise: Kinder können mit einem veränderten Lerntempo arbeiten, erhalten Aufgaben zugeschnitten auf ihr aktuelles Lernniveau oder erhalten über Apps und Software direktes Feedback.

Aber auch Lehrkräfte können durch digitale Hilfsmittel einen viel besseren Überblick über ihre Klasse erlangen. Denn ein guter Unterricht gelingt nur, wenn die Lehrkräfte wissen, was ihre Schüler:innen können. „Lernstandserhebung“ heißt das. Viele andere Länder sind bei der Erfassung des Leistungsniveaus von Klassen bereits erheblich weiter. Die Idee dahinter: Wir passen den Unterricht an die Schüler:innen an und nicht umgekehrt.

Ein schlechter Unterricht wird mit digitalen Medien trotzdem nicht besser. Im schlimmsten Fall vergrößert er die Unterschiede zwischen den einzelnen Kindern noch weiter. Das konnten wir leider während der Pandemie beobachten. Die Lehrkräfte wurden ins kalte Wasser geworfen und waren nicht genug mit den digitalen Medien vertraut. Woher auch? Viele haben sich darauf zurückbesonnen, was sie selbst gelernt haben: Frontalunterricht. Bildungsbenachteiligte Schüler:innen kommen bei diesem Lernen im Gleichschritt aber oft nicht mit. Noch weniger, wenn sie alleine zu Hause lernen müssen.

Wir brauchen an der Schule eine Kultur der Diklusivität. Wir müssen anerkennen, dass digitale Medien ein Teil unserer Gesellschaft sind und sie deshalb auch in der Schule vorkommen müssen. Diklusivität heißt aber auch, dass wir Diversität an der Schule als Potenzial begreifen. Inklusion sollte nicht nur im Hinblick auf Behinderungen verstanden werden, sondern alle Kinder einbeziehen: Kinder oder Jugendliche etwa, die Sorgen haben, weil sie arm oder keine familiäre Unterstützung bekommen, oder ein besonderes Interesse in einem bestimmten Bereich mitbringen. Jedes Kind in Deutschland sollte die Möglichkeit haben, in seinem Lerntempo auf Bildung zuzugreifen.

Lea Schulz ist Studienleiterin am Institut für Qualitätsentwicklung für Schulen in Schleswig-Holstein. Sie bildet angehende Lehrkräfte aus und berät Schulen in ihrer digitalen Entwicklung.


»Diklusivität heißt aber auch, dass wir Diversität an der Schule als Potenzial begreifen.«

Lea Schulz


Christian Filk, Medienwissenschaftler

»ES BRAUCHT MEHR FORSCHUNG«

Die inklusive Klasse gilt mittlerweile als die neue Regelklasse. Doch mit der Umsetzung der Inklusion in Bildungseinrichtungen stehen für das gemeinsame Lernen in heterogenen Gruppen nicht unbedingt größere finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Mitunter ist das Gegenteil der Fall. Das ist ein Problem. Denn dadurch fehlen den Schulen schlicht die Bedingungen, die sie für einen sinnvollen inklusiven Unterricht brauchen – sprich: multiprofessionelle Teams, Assistenzen für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen, barriere-sensible Lernumgebungen und die nötige infrastrukturelle Ausstattung. 

Nun kommt die Digitalisierung als zusätzliche Aufgabe für die Schulen hinzu. Und auch hier wird mit ähnlichen Schwierigkeiten gekämpft. Gleichzeitig ist es so, dass Inklusion und Digitalisierung als große Querschnittsaufgaben immer noch als getrennte Bereiche wahrgenommen werden. Dabei weisen sie einige markante Parallelen auf: Lernprozesse können mit digitalen Medien personalisiert gestaltet werden. Das bedeutet, dass jede Schülerin und jeder Schüler auf individualisierbare Lernmaterialien zugreift, angepasst auf ihre und seine jeweiligen Voraussetzungen und Bedürfnisse.

Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um eine pädagogisch-didaktisch aufeinander abgestimmte Konzeption digital-unterstützen Lernens. So kann innerhalb der Lerngruppe binnendifferenziert werden. Beispielsweise kann das gleiche Material an die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten und Leistungsniveaus innerhalb einer Gruppe ausgerichtet oder sogar auf jede einzelne Schülerin bzw. jeden einzelnen Schüler adaptiert werden.

Wie genau diese neue Art inklusiv-digitaler Bildung funktioniert, ist noch nicht ausreichend erforscht. Das ist absolutes Neuland. Deshalb untersuchen wir in einem Verbundprojekt von Europa-Universität Flensburg und Humboldt-Universität zu Berlin zusammen mit Kooperationsschulen, wie inklusive Medienbildung funktionieren kann. Die Kooperationsschulen zu finden, war gar nicht so leicht. Denn wir suchten nach Schulen, die schon ein Stück auf diesem Weg vorangegangen sind. Dieser Umstand zeigt, wie wenig Digitalisierung und Inklusion in einem ganzheitlichen, aufeinander bezogenen Sinne bisher entwickelt sind. Es stellt immer noch die Ausnahme von der Regel dar.

Christian Filk lehrt Medienpädagogik und interdisziplinäre Medienforschung an der Europa-Universität Flensburg und leitet das dortige Seminar für Medienbildung. Im Rahmen des Projekts „Dig*In – Digitalisierung und Inklusion“ erforscht er inklusive Medienbildung an deutschen Schulen.


Sofie Czilwik

Sofie Czilwik ist freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt Reportagen und Features für Zeitungen und Magazine und produziert kürzere und längere Stücke für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk über (Un-)Gerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Geschichten. Außerdem ist sie Trainerin für Journalismus und Medienarbeit. Zurzeit vermittelt sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen journalistisches Arbeiten und Kompetenzen sowie die Bedeutung von freien Medien für demokratische Gesellschaften.