Interview
Felicitas Macgilchrist: „Junge Menschen sollten lernen, wie sie produktiv mit Ungewissheit umgehen“
von
mit Felicitas Macgilchrist
veröffentlicht am 08.09.2025
Lesezeit: 7 Minuten
Für eine erfolgreiche digitale Transformation in Schulen braucht es mehr als technisches Wissen. Alle Beteiligten – Schüler:innen, Lehrkräfte, Schulleitungen und Bildungsverwaltungen – müssen digitale Werkzeuge sinnvoll und selbstbestimmt nutzen können. Die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte und die Prüfungskultur müssen weiterentwickelt werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie junge Menschen dazu befähigt werden können, ihre Zukunft unter den Bedingungen der Digitalität selbst zu gestalten.
Anlässlich der Konferenz Bildung Digitalisierung (KonfBD25) plädiert Felicitas Macgilchrist, Professorin für „Digitale Bildung in der Schule” an der Universität Oldenburg, für kritisch-gestalterische Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien, ordnet die aktuellen Bedingungen für die zielgerichtete Lehrkräfteausbildung ein und erklärt, wie sich KI-Kompetenzen trainieren lassen, ohne die Algorithmen weiter zu füttern. Bei der KonfBD25 diskutiert sie in einem Panel mit dem Titel „Jenseits des Instrumentellen: Bildung unter den Bedingungen der Digitalität – von der Haltung zum Kompetenzerwerb für zukünftige Generationen”.
Was sind für Sie die wichtigsten Kompetenzen, um sich souverän in der digitalen Welt bewegen zu können?
Ich würde die Frage gerne andersherum beantworten, als es üblicherweise gemacht wird. Aus meiner Sicht ist die kritisch-gestalterische Kompetenz die wichtigste. Das bedeutet: Die kritische Reflexion dessen, wie digitale Technologien, gesellschaftliche Beziehungen und politische Entscheidungen zusammenhängen, sollte im Zentrum stehen. Das ist zwar immer auch Teil bestehender Kompetenzmodelle, steht dort aber meist am Ende. Dort geht es meistens erstmal darum, die Geräte bedienen, Informationen suchen und Daten verarbeiten zu können. Ich bin der Überzeugung: Wenn man die Reflexion an den Anfang der Kompetenzentwicklung stellt, kann man die eigene Nutzung der Technologie ganz anders gestalten.
Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile eines so verstandenen Kompetenzaufbaus?
Das zentrale Merkmal dieser Technologien ist ja, dass sie sich ständig verändern. Man kann sich dann immer wieder aufs Neue mit Bedienkompetenzen beschäftigen und bleibt in dem Sinne auf dem aktuellen Stand. Die entscheidende Komponente der Reflexion ist es aber, eine kritische Distanz zum Gegenstand einzunehmen. Damit kann man sofort anfangen, wenn man ein Gerät oder eine App zum ersten Mal nutzt. Das ist die zentrale Voraussetzung, um überhaupt entscheiden zu können, welche Soft- und Hardware man nutzen möchte. Nehmen wir als Beispiel die App „Kahoot!”: Wenn Lehrkräfte und Schüler:innen verstanden haben, dass die App zwar einen hohen Aufforderungscharakter hat, aber keine wirkliche Wissensgenerierung ermöglicht, dann fällt die Entscheidung, wann und mit welchem Zweck sie die App nutzen, optimalerweise anders aus.
»Wir sind davon überzeugt, dass man Technologien viel besser kritisch-gestalterisch nutzen kann, wenn man versteht, wie sie funktionieren.«
Die Lehrkräfte nehmen eine zentrale Rolle dafür ein, wie eine gezielte Förderung digitaler Souveränität stattfinden kann. Wie bewerten Sie die Bedingungen für eine phasenübergreifende Kompetenzentwicklung Lehrkräftebildung?
Das ist aktuell ein hochdynamisches Feld, in dem sich viel verändert. In der ersten Phase unterscheidet sich das letztlich von Universität zu Universität. In Oldenburg haben wir ein Modul „Medienbildung und Digitalisierung”. Dort denken wir Fragen von Medienbildung und Informatikdidaktik zusammen. Wir sind davon überzeugt, dass man Technologien viel besser kritisch-gestalterisch nutzen kann, wenn man versteht, wie sie funktionieren. Das heißt gleichzeitig nicht, dass alle Lehramtsstudierende Informatiklehrkräfte werden sollen. Auch viele andere Universitäten bieten eigene Module für die Medienbildung an. Wiederum andere haben weniger Ressourcen dafür. Dort ist das Thema weniger stark im Lehrplan verankert. In den Studienseminaren gilt nach meiner Beobachtung: Wenn es Personen gibt, die sich stark dafür interessieren, dann wird es bearbeitet, ansonsten eher weniger. Generell muss man natürlich konstatieren, dass das Thema mit vielen anderen konkurriert, mit denen sich Lehrkräfte auseinandersetzen sollen – nur beispielhaft seien Inklusion und Demokratiebildung genannt. Leider ist nie genug Zeit, um alles ausreichend zu bearbeiten.
Die rasanten technologischen Entwicklungen machen es immer weniger absehbar, welche Fähigkeiten das Leben und die Berufswelt in fünf oder zehn Jahren von jungen Menschen verlangen. Was sind davon ausgehend die wirklich zentralen Kompetenzen, die Kinder und Jugendliche heute in der Schule erwerben sollten?
Es gibt einen guten Begriff dafür, den ich vor allem aus der Politikdidaktik kenne: Ambiguitätstoleranz. Junge Menschen sollten also lernen, wie sie produktiv mit Ungewissheit umgehen und daraus eine Selbstwirksamkeit entwickeln können. Das ist für mich keine fachspezifische, sondern eine gesamtgesellschaftlich relevante Frage. Das sollten wir damit verbinden, uns kritisch mit Texten, Gedanken und Wissen auseinanderzusetzen und zu fragen, wieso sich das auch zukünftig lohnt. Diese Extra-Schleife ist notwendig, weil es heute eben zahlreiche technische Möglichkeiten gibt, diesen Prozess abzukürzen. Wichtig ist zu verstehen, was man verliert, wenn man diese Abkürzungen ohne die nötige kritische Reflexion nimmt.
Passend dazu stellte der Lehrer Bob Blume zuletzt auf LinkedIn die Frage: „Warum sollte ich mich als junger Mensch anstrengen, mir etwas anzueignen, wenn es eine Maschine auch in ein paar Minuten für mich erledigen kann?” Was entgegnen Sie dem?
Mit genau diesem Satz könnte man im Unterricht starten und versuchen, die Frage gemeinsam mit den Schüler:innen zu beantworten. Wichtig finde ich aber auch die Klarstellung, dass die Maschine viele Aufgaben nicht abschließend erledigen kann. Die Maschine macht etwas, das so aussieht, als ob sie es erledigt. Die Reflexion und Verbindung mit dem eigenen Erfahrungshorizont ist weiterhin Aufgabe der Individuen. Deswegen könnte man den Satz wunderbar als Reflexionsanlass nutzen. Die Kulturwissenschaftlerin Gayatri Spivak hat einmal etwas Passendes zu der Frage gesagt, wieso es die Geisteswissenschaften weiterhin braucht. Sie sagte: „It’s about the practice of learning, not the production of knowledge”. Das kann auch ein Leitsatz für die nötigen Kompetenzen im KI-Zeitalter sein.
»Das System Schule ist oft noch stark am Endprodukt orientiert. Viele Lehrkräfte rücken jetzt aber Aufgaben ins Zentrum, die an echten Erfahrungen ansetzen und den Blick auf den Lernprozess lenken.«
Welche Auswirkungen sollte das auf die Lern- und Prüfungskultur in der Schule haben?
Wenn weiterhin die Wissensproduktion im Vordergrund steht, dann kann eine KI tatsächlich einen Großteil der Aufgaben erledigen. Das System Schule ist oft noch stark am Endprodukt orientiert. Viele Lehrkräfte rücken jetzt aber Aufgaben ins Zentrum, die an echten Erfahrungen ansetzen und den Blick auf den Lernprozess lenken. Die Prüfungskultur zu verändern, ist sicher ein bisschen schwieriger. Prüfungen, wie sie aktuell gestaltet sind, brauchen eben ein Produkt. Trotzdem gibt es schon seit den 1960er-Jahren Versuche, weniger auf das Produkt und mehr auf den Prozess zu schauen. Auch in der Lehrkräfteausbildung gibt es Ansätze dazu. Positiv sehe ich, dass sich durch die Verbreitung der generativen KI wie unter dem Brennglas zeigt, dass wir die Prüfungskultur verändern müssen.
Die Leopoldina-Akademie der Wissenschaften schreibt in ihrem aktuellen Diskussionspapier: „Im Kontext der digitalen Bildung ist es wichtig, ein Verständnis für die Geschäftsmodelle von Social-Media-Anbietern und deren Umsetzung in Form konkreter Nutzungsangebote zu entwickeln.“ Wie kann das im Unterricht funktionieren, ohne die Schüler:innen den Gefahren von sozialen Medien auszusetzen?
Ein Stück weit stecken wir sicher in einem Dilemma, weil wir die Medienbildung in den letzten 20 Jahren nicht ausreichend gestärkt haben. Jetzt sind wir in einer Phase, in der die sozialen Medien noch mächtiger und die Geschäftsmodelle durch die Integration von KI-Tools noch ausbeuterischer geworden sind. Wenn wir über Kompetenzen sprechen, erwarten wir aber, dass sich junge Menschen individuell gegen Multi-Milliarden-Dollar-Konzerne zur Wehr setzen, deren Algorithmen genau darauf ausgelegt sind, sie immer weiter in ihren Sog zu ziehen. Das funktioniert aus meiner Sicht nicht. Gleichzeitig können wir die Plattformen aus der Schule auch nicht komplett aussperren und müssen sie in irgendeiner Weise thematisieren. Als Kompromiss – wenn man so möchte – gibt es tolle Möglichkeiten, mit denen man etwa die Funktionsweise eines KI-Algorithmus thematisieren kann, ohne die Geräte zu nutzen. Die Website „AI Unplugged” nutze ich zum Beispiel regelmäßig mit Studierenden. Sie können damit besser verstehen, wie ein KI-System Entscheidungen trifft. Das kann man zum Anlass nehmen, um eigene Erfahrungen in sozialen Medien oder mit KI-generierten Inhalten zu reflektieren. Dann kommt man in den kritisch-gestalterischen Modus, den ich für zentral halte.
Zur Person
Prof. Dr. Felicitas Macgilchrist ist Professorin für Digitale Bildung in der Schule an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Sie forscht an der Schnittstelle von digitaler Kultur und Schule, insbesondere zu soziopolitischen, ethischen und pädagogischen Implikationen von Bildungsmedien und -Infrastrukturen (EdTech). Sie berät u. a. die EU und die UNESCO in Fragen zu digitaler Bildung und KI in der Schule.