Interview

Florian Nuxoll: „Die Basisdimensionen guten Unterrichtens sind immer noch gültig”

von Anja Reiter
mit Florian Nuxoll und Uta Hauck-Thum
veröffentlicht am 28.05.2024
Lesezeit: 14 Minuten

Wie kann guter Unterricht in einer Kultur der Digitalität aussehen? Inwiefern sollten wir uns von den Warnungen des schwedischen Karolinska-Instituts zu den Gefahren der Digitalisierung an Schulen beirren lassen? Darüber diskutieren Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik, und Florian Nuxoll, Englischlehrer und Mitautor einer Gegendarstellung zum Karolinska-Gutachten.

Vor einem knappen Jahr ging eine brisante Meldung durch die Presse: Fünf Professor:innen des renommierten Karolinska-Instituts in Schweden warnten vor den negativen Auswirkungen der Digitalisierung an Schulen. Die kurze Zusammenfassung der Stellungnahme: Es gebe keinerlei Beweise dafür, dass die Digitalisierung der Schulen vorwiegend positive Effekte habe. Die Ziele Bildungs- und Chancengerechtigkeit, Unterrichtsverbesserung und gesellschaftliche Teilhabe würden nicht erreicht. Die Digitalisierung verstärke die ohnehin schon große Kluft zwischen Kindern aus bildungsfernen Haushalten und Akademiker:innenfamilien. Zu viel Bildschirmzeit könne außerdem zu Konzentrationsschwierigkeiten führen und die körperliche Aktivität verdrängen.

Die Meldung kam für viele überraschend. Lange Zeit galt Schweden als strahlender Vorreiter der Schuldigitalisierung. An manchen Grundschulen wurden analoge Bücher abgeschafft, Kinder arbeiteten nur noch mit digitalen Lehrmaterialien. Vergangenes Jahr stellte die Nationale Agentur für Bildung (skolverket) ihren Vorschlag zur „Nationalen Digitalisierungsstrategie für das Schulsystem 2023-2027“ vor: Man wolle die Schulen noch digitaler machen, von der Vorschule an. Als Reaktion auf das Karolinska-Gutachten – und wegen sinkender PISA-Ergebnisse – ruderte die Regierung zurück: Unter Hochdruck werden Schulbücher produziert, eine nationale Lese-Initiative für Grundschulen wird vorbereitet.

Seither wird diese Stellungnahme auch in Deutschland diskutiert. Auch hierzulande werden Warnungen vor der Ausstattung von Schulen mit digitalen Endgeräten laut. Kritiker:innen fordern sogar einen Digitalisierungsstopp. Andere Stimmen sprechen sich dafür aus, dass wir uns durch die Stellungnahme des Karolinska-Instituts nicht beirren lassen sollten. So formulierten Expert:innen aus Wissenschaft, Bildungspraxis und der Zivilgesellschaft eine Gegendarstellung zum Karolinska-Gutachten, in dem sie darauf hinwiesen, dass der Digitalisierungsstopp in Skandinavien nicht zu einem Stopp in Deutschland führen darf. Auch das Forum Bildung Digitalisierung unterstützt die Initiative. Im Doppelinterview diskutiert Florian Nuxoll, Englischlehrer und Mitautor des Gegengutachtens, mit Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Rezeption des Karolinska-Gutachtens in Deutschland und guten Unterricht in einer Kultur der Digitalität.

Zur Person

Florian Nuxoll ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen. Außerdem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Eberhard Karls Universität Tübingen und entwickelt dort ein Intelligentes Tutorielles System für das Fach Englisch mit. Einmal im Monat spricht er im Podcast „Doppelstunde“ über die Chancen und Risiken der Digitalisierung in Schulen.

Foto: Phil Dera

Zur Person

Prof. Dr. Uta Hauck-Thum ist Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Aktuell leitet sie die BMBF-geförderten Projekte „Digitale Chancengerechtigkeit – Digitale Lehr- und Lernumgebungen im Lese- und Literaturunterricht zur Verbesserung von Chancengerechtigkeit und Bildungsteilhabe in der Grundschule“, „BesserLesen. Mobile Anwendung zur kooperativen Leseförderung von Kindern durch KI-gestützte Spracherkennung und -überprüfung“ sowie „Poetische Bildung digital” als Teilprojekt des Projektverbund „DiäS“ im lernen:digital Kompetenzzentrum Musik/Kunst/Sport. Zudem gehört sie dem wissenschaftlichen Beirat der BMBF-geförderten Projekte Schultransform und Kompetenzverbund lernen:digital an.

Herr Nuxoll, Sie sind Mitautor einer Gegendarstellung zum Gutachten des Karolinska-Instituts. Was hat Sie an der Stellungnahme – und an der Rezeption in Deutschland – am meisten gestört?

Florian Nuxoll: Am meisten hat mich die Gleichsetzung der schwedischen mit den deutschen Verhältnissen gestört. Schweden war in den letzten Jahrzehnten wesentlich radikaler bei der Digitalisierung der Schulen als Deutschland. In Schweden war man drauf und dran, die Grundschulen flächendeckend zu digitalisieren und auf Bücher zu verzichten. Das kann man durchaus kritisch sehen. In Deutschland ist die Digitalisierung viel weniger weit fortgeschritten, viele Schulen haben nicht mal WLAN. Die Äußerungen aus Schweden werden nun aber für manche in Deutschland als Entschuldigung hergenommen: „Seht her, wir sollten gar nicht erst digitalisieren! Wir müssen uns gar nicht über Transformation, Technik oder Infrastruktur Gedanken machen, weil das ja ohnehin nicht hilfreich ist.“

Frau Hauck-Thum, was haben Sie gedacht, als Sie die Stellungnahme aus Schweden zum ersten Mal gelesen haben?

Uta Hauck-Thum: Ich habe mir gedacht, dass es im Großen und Ganzen wieder nur um Fragen der Ausstattung geht. In Schweden war die Frage zentral, ob es Sinn macht, sämtliche analogen Schulbücher abzuschaffen. Das steht in Deutschland gar nicht zur Debatte. Das, wovor hier gewarnt wird, sollte aus meiner Sicht gar nicht das Ziel des Transformationsprozesses im deutschen Bildungssystem sein. Statt den analogen Unterricht zu digitalisieren, sollten wir besser Lehr-, Lern- und Prüfungsformate mit einem transformativen Verständnis weiterentwickeln.

Wie sollten wir die Ergebnisse aus Schweden aus Ihrer Sicht diskutieren?

Florian Nuxoll: Ich plädiere für eine differenzierte Betrachtung der Stellungnahme aus Schweden. Natürlich kann die Digitalisierung auch negative Auswirkungen haben – gerade im klassischen Lernkontext. Um negative Nebenwirkungen gering zu halten, muss man auf bestimmte Aspekte achten, wie zum Beispiel Klassenmanagement und kognitive Aktivierung. Mein Credo ist: Man kann schlechten Unterricht mit einem Tablet machen, man kann aber auch ohne Tablet schlechten Unterricht machen.

»Statt den analogen Unterricht zu digitalisieren, sollten wir besser Lehr-, Lern- und Prüfungsformate mit einem transformativen Verständnis weiterentwickeln.«

Uta Hauck-Thum

Eines der Kernargumente Ihrer Gegendarstellung: für guten Unterricht seien weniger die Methoden und Medien relevant, sondern die Tiefenstrukturen. Dazu zählen eine gute Nutzung der Unterrichtszeit, kognitive Aktivierung der Lernenden und eine verständnisorientierte Unterstützung jede:r Schüler:in. Sind die alten Regeln für guten Unterricht aus Ihrer Sicht in der Kultur der Digitalität immer noch gültig?

Florian Nuxoll: Ja, aus meiner Sicht sind die Basisdimensionen guten Unterrichtens immer noch gültig. Auch in einer Kultur der Digitalität muss ich gucken, wie ich die Schüler:innen kognitiv aktivieren kann, damit sie motiviert mitarbeiten, gerade wenn es um freie Projektarbeiten geht. Das funktioniert insbesondere über gutes Classroom Management: Arbeiten alle Schüler:innen wirklich an ihrer Aufgabe oder verweigern sie sich und klicken nur irgendwo rum? Wichtig bleibt auch konstruktives Feedback – durch die Lehrkraft oder Mitschüler:innen.

Frau Hauck-Thum, Sie sagen, die „Pädagogik vor Technik“-Diskussion sei aus dem vergangenen Jahrzehnt. Gehen Ihnen die Basisdimensionen guten Unterrichtens in einer Kultur der Digitalität nicht weit genug?

Uta Hauck-Thum: Die Basisdimensionen guten Unterrichtens sind nach wie vor relevant, aber wir müssen sie vor den veränderten Bedingungen in einer Kultur der Digitalität neu reflektieren. Aus meiner Sicht geht es nicht darum, Unterricht digital zu optimieren. Ein motiviertes Arbeiten der Kinder mit der Anton-App kann also nicht das Ziel sein. Stattdessen sollten wir Lehr- und Lernprozesse grundlegend verändern, damit Kinder die Kompetenzen erwerben, die sie brauchen, um mit den Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Welt umzugehen. Und das hat in erster Linie mit einer Weiterentwicklung der Lernkultur zu tun, in der analoge und digitale Medien gleichermaßen bedeutsam sind: Wie können wir Kinder zum kreativen Zusammenarbeiten befähigen? Wie können wir dafür sorgen, dass sie fokussiert am Ball bleiben? Wie können wir perspektivenübergreifende Zugänge schaffen? Wie müssen wir Prüfungen verändern? Diese disruptiven und transformativen Prozesse gilt es im Bildungssystem zu bearbeiten.

Herr Nuxoll, ist das eine Vision, mit der Sie sich anfreunden können?

Florian Nuxoll: Ja, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Ich bin als Lehrer im Hier und Jetzt für meine Schüler:innen verantwortlich, Frau Hauck-Thum ist als Wissenschaftlerin eher im Demnächst unterwegs. Ich vergleiche das gerne mit dem Schwimmen: Wenn ein Kind nicht lesen kann, frage ich mich: Wie können wir jetzt ganz schnell dafür sorgen, dass die Lesekompetenz steigt und das Kind vor dem Ertrinken gerettet wird? Wie können wir den Unterricht schnell verbessern, sodass alle Schüler:innen besser lesen können? Natürlich heißt das nicht, dass wir nicht auch langfristig überlegen müssen, was verändert werden muss. Bevor wir Innovationen in die Breite tragen, müssen diese an den einzelnen Schulen aber evaluiert werden.

Uta Hauck-Thum: Aus meiner Sicht müssen diese beiden Prozesse gleichzeitig passieren. Ich betreue gerade 22 Grundschulen im Landkreis Freising im Rahmen ihrer Schulentwicklung. Diese Schulen beschäftigen unter anderem auch Fragen der Leseförderung. Viele Kinder lesen immer schlechter. Eine Möglichkeit ist, ein schnelles Pflaster draufzukleben: Eine Deutschstunde mehr zum Lesetraining, eine Zusatzstunde mehr zum Üben mit einer App. Die Gefahr der Pflaster-Strategie ist, dass einfach mehr vom selben Programm gemacht wird. Ich bin mir aber sicher: Passung für alle Kinder kann nur in einem veränderten Unterricht entstehen. Das kostet Zeit: Eine Transformation kann möglicherweise innerhalb von fünf Jahren gelingen.

Florian Nuxoll: Ich plädiere dennoch dafür, nicht das Heute zu vergessen. Schon heute findet man Tools, die den Kompetenz- und Wissenserwerb unterstützen – und damit sofort einen Mehrwert bieten. Wir haben an unserer Schule ein Intelligentes Tutorielles System: In einem spezifischen Bereich des Englischunterrichts konnten wir zeigen, dass Schüler:innen, die mit diesem Tool gearbeitet haben, eine 63 Prozent höhere Lernleistung hatten als die Vergleichsgruppe. Mit solchen Ergebnissen können wir auch Kolleg:innen überzeugen, die der Digitalisierung eher skeptisch gegenüberstehen. Auch sie müssen mitgenommen werden!

Uta Hauck-Thum: Natürlich gibt es Tools, die gute Effekte bringen, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden – etwa zur Lernstandsdiagnostik. Wir sollten diese Tools aber trotzdem nie isoliert im tradierten Unterricht einsetzen, sondern stets einen zukunftsgerichteten Schulentwicklungsaspekt berücksichtigen. Nicht jedes digitale Tool führt zu einer Veränderung, manche zementieren nur den Status quo.

Können Sie ein Beispiel für digital gestützten Unterricht geben, in dem Medien als Werkzeuge genutzt werden – aber keine zukunftsrelevanten Kompetenzen erworben werden?

Uta Hauck-Thum: Bleiben wir bei der Lesekompetenz. Im Unterricht wird ein Text eingeführt und gelesen, dann dürfen die Kinder auf der Antolin-App Fragen beantworten. Das schadet nicht und kann zum Textverständnis beitragen. Was in der Breite hier aber fehlt, sind eine konsequente Ausgangsdiagnostik und das gezielte Üben an Fehlerschwerpunkten, ebenso wie ein verändertes Lesekonzept, das alle Kinder zum Lesen unterschiedlicher, vielgestaltiger Texte motiviert und sich positiv auf ihr lesebezogenes Selbstkonzept auswirkt. Um ein Gefühl für die Bedeutung von Literatur zu bekommen, benötige ich einen anderen Unterricht.

Wie könnte man es besser machen?

Uta Hauck-Thum: Wir gestalten zum Beispiel gemeinsam mit Kindern Websites mit Buchempfehlungen (les-o-mat.com). Die Schüler:innen erstellen dafür gemeinsam Trickfilme und arbeiten kreativ mit unterschiedlichsten Textsorten. Sie tauschen sich intensiv in Kleingruppen mit den Texten aus und beschäftigen sich bei der Erstellung gleichzeitig mit Fragen des Datenschutzes und des Urheberrechts. Diese Aspekte sind aus meiner Sicht kein schönes Add-on zum klassischen Unterricht, sondern sehr relevant im Rahmen ganzheitlicher Leseförderung.

Florian Nuxoll: Genau an diesem Beispiel zeigt sich aber, dass die Basisdimensionen guten Unterrichtens nach wie vor relevant bleiben. Auch ich habe ähnliche Projekte schon durchgeführt. Einmal ist es geglückt, ein andermal nicht. Wenn die Schüler:innen stundenlang durchs Internet surfen und nach Bildern suchen, aber nicht über Literatur nachdenken, ist das kontraproduktiv. Dann ist ein solch anspruchsvolles, zeitgemäßes Unterrichtskonzept überflüssig, weil es nicht effektiv ist. Gut funktionieren kann es, wenn ich auf mein Classroom Management achte, die Schüler:innen kognitiv aktiviere und Feedback geben.

Uta Hauck-Thum: Gehen Lehrkräfte jedoch mit tradierten Vorstellungen von Classroom Management in ein digitales Setting, passt das oft nicht mehr zusammen. Lehrkräfte brauchen mehr Mut, Räume der Unbestimmtheit zuzulassen. Ohne Freiheit entsteht kein Unterricht, der der Kultur der Digitalität entspricht – mit den Möglichkeiten zur Aushandlung und Ko-Kreation im Rahmen gemeinschaftlichen und selbstbestimmten Arbeitens.

»Wenn die Politik nicht bereit ist, Geld zu investieren, können wir es mit der Digitalisierung auch gleich bleiben lassen.«

Florian Nuxoll

Wie entgeht man der Gefahr, einen Teil der Schüler:innen auf der Strecke zu verlieren – und so für weniger Bildungsgerechtigkeit zu sorgen?

Florian Nuxoll: Ich habe den Eindruck, dass die Bildungsgerechtigkeit gefährdet ist, weil gute Schüler:innen schneller mit offenen Unterrichtskonzepten zurechtkommen als schwache. Kinder aus Elternhäusern, die freies Lernen zu Hause fördern, profitieren stärker als Kinder, deren Eltern nicht so viel Wert auf Bildung legen. Das Heranführen an neue Methoden ist daher immens wichtig! Ich gehe in meinem Unterricht nach folgendem Konzept vor: „I do, we do, you do“. Zuerst mache ich etwas vor, dann machen es die Schüler:innen mit mir gemeinsam, am Ende können sie sich selbst ausprobieren – natürlich mit dem Lernziel vor Augen.

Uta Hauck-Thum: Natürlich müssen Kinder erst lernen, mit der Freiheit umzugehen. Dazu müssen die offenen Phasen nach und nach eingeführt werden. Es ist ganz wichtig, individuelle Unterstützung von Anfang an mitzudenken, gerade für die schwächeren Schüler:innen. Ich plädiere für eine adaptive Gestaltung der Lernumgebung, die es allen Kindern ermöglicht, sich gemäß ihrer Lernvoraussetzungen zu beteiligen. Falsch wäre es, von vornherein zu sagen: Wir probieren ein offenes, zeitgemäßes Lernen gar nicht erst aus; alle bleiben schön im Gleichschritt hinter mir. Ziel muss es sein, Partizipation und Teilhabe an der Kultur der Digitalität gerade für die Schwachen zu ermöglichen. Alles andere wäre massiv ungerecht: Die Starken nutzen digitale Medien ohnehin für ihren Bildungserfolg – für die Schwachen ist die Schule oft der einzige Ort, an dem sie einen sinnvollen und produktiven Umgang erleben können.

Wie viel digitales Mindset, wie viel Transformationsverständnis beobachten Sie bereits an den Schulen?

Florian Nuxoll: In den letzten Jahren war ich auf vielen pädagogischen Tagungen unterwegs. Dort habe ich beobachtet: 20 Prozent der Lehrkräfte wollen diese Veränderung, 20 Prozent sind große Pessimist:innen, der Rest ist in der Mitte. Gerade nach Corona haben viele gesagt: Wir brauchen eine Re-Analogisierung des Unterrichts. Sie haben die negativen Auswirkungen des Fernunterrichts erlebt: Computer an, Kamera aus, Zocken. Ich hätte es als Schüler vermutlich auch nicht anders gemacht, weil man im Teenageralter ganz einfach nicht per se intrinsisch motiviert ist, wenn es um Schule geht. Für die Defizite, die während Corona entstanden sind, gaben Kolleg:innen der Digitalisierung die Schuld. Dabei gibt es multidimensionale Gründe: Unter anderem waren die Schüler:innen überhaupt nicht auf den Fernunterricht vorbereitet.

Eine Transformation funktioniert nicht losgelöst von politischen, finanziellen und strukturellen Gegebenheiten – und den Personen, die heute an und rund um Schulen arbeiten. Was muss sich hier ändern, damit die Vision vorankommt?

Florian Nuxoll: Eingangs hat Frau Hauck-Thum gesagt, es ginge nicht vorrangig um die Infrastruktur. Aber es geht verdammt noch mal auch um die Infrastruktur! In Deutschland haben wir so schlechte Bedingungen. Alles, was Frau Hauck-Thum fordert, beruht auf der Grundvoraussetzung einer digitalen Infrastruktur. Jederzeit, überall, zuverlässig digital unterwegs sein zu können, ist aber noch nicht ansatzweise Realität an allen Schulen in Deutschland. Wenn die Politik nicht bereit ist, Geld zu investieren, können wir es mit der Digitalisierung auch gleich bleiben lassen.

Uta Hauck-Thum: Infrastruktur, die ihren Beitrag zu verändertem Lehren und Lernen leistet, ist sicher die Grundlage. Hier muss auch die administrative Seite sehen, dass es noch immer dringend Handlungsbedarf gibt. Alle Ebenen müssen jedoch die unterschiedlichen Bedarfe kennen und miteinander ins Gespräch kommen und sich austauschen, um zu verstehen, was tatsächlich gebraucht wird. Dazu zählen wie in meinem aktuellen Projekt in Freising unbedingt auch Schulträger, Schulaufsicht und außerschulische Akteure. Weiß der Schulträger nicht, was in der Schule passiert, kauft er unnütze Tools oder Geräte, mit denen letztendlich niemand arbeitet.

Was können wir abschließend aus der Stellungnahme aus Schweden – und deren Rezeption in Deutschland – mitnehmen?

Uta Hauck-Thum: Es ist wichtig, Studien und Stellungnahmen nicht vereinfacht zu betrachten, sondern sich die lokalen Verhältnisse und Hintergründe genau anzuschauen. Die Problematik ist komplex – und es gibt keine einfache Antwort. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir Kinder individuell stärken und sie auf die digitale Welt vorbereiten können. Auch die Eltern müssen wir dafür stärker in den Blick nehmen. Vor allem aber brauchen wir eine gemeinsame Zielperspektive – auch wenn sie an den einzelnen Schulen unterschiedlich umgesetzt werden kann.

Anja Reiter

Anja Reiter arbeitet als freie Journalistin in Bonn, vor allem zu Bildungs-, Umwelt-, Digitalisierungs- und Gesellschaftsthemen. Zu ihren journalistischen Auftraggebern zählen Die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und das Greenpeace Magazin. Daneben hilft sie bei der Konzeption von Magazinen, gibt Workshops für journalistischen Nachwuchs und moderiert Podiumsdiskussionen. Außerdem ist sie im Vorstand der Freischreiber aktiv, dem Berufsverband der freien Journalist:innen. 

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