Kräfte bündeln und Austausch stärken: Online-Formate zur Schulentwicklung
Illustration: Samy Löwe
Impuls

Kräfte bündeln und Austausch stärken: Online-Formate zur Schulentwicklung

von Anja Reiter
veröffentlicht am 26.11.2020
Lesezeit: 8 min

Digitale Formate können Schulleitungen dabei unterstützen, den Entwicklungsprozess an ihren Schulen voranzutreiben. Austausch mit Gleichgesinnten und Impulse von Expert:innen motivieren und inspirieren dabei gleichermaßen. Eine Schulleiterin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen mit den Anregungen aus dem Netz.

In Zeiten der Schulschließungen standen Schulleitungen vor großen Fragen: Wie gelingt die Beziehungs- und Bindungsarbeit, wenn Schüler:innen und Kolleg:innen ausschließlich über digitale Kanäle miteinander verbunden sind? Welche Datenschutzfragen gilt es zu beachten, wenn Lehrkräfte digitale Tools im Distanz- und Hybridunterricht einsetzen? Und wie kann der Digitalisierungsschub nachhaltig genutzt werden? Schon vor den Schulschließungen waren viele dieser Fragestellungen präsent; die Corona-Pandemie wirkte als Katalysator für den digitalen Transformationsprozess. 

Um Schulen bei den aktuellen Herausforderungen zu begleiten, haben Akteure in ganz Deutschland digitale Formate zur Unterstützung von Schulentwicklungsprozessen angeboten. Die Deutsche Schulakademie erstellte die Online-Reihe „Digitale Impulse für Schulentwicklung in Zeiten von Corona“. Die Pacemaker Initiative konzipierte im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen eine Webinar-Reihe zum Distanzlernen. Und auch das Forum Bildung Digitalisierung rief zwei Formate ins Leben: Community Calls und Web-Seminare. 

Die neuen Angebote entstanden vor allem aus dem zivilgesellschaftlichen Interesse, Schule bei den Veränderungsprozessen im Kontext der Digitalisierung zu unterstützen und dazu kurzfristig niedrigschwellige Angebote umzusetzen. Dabei sind die Formate nicht allein auf die Zeit der Schulschließungen ausgerichtet, sondern sollen auch Impulse für die Post-Corona-Zeit liefern. Wo liegen Chancen, wo Grenzen von derlei Formaten zur Unterstützung von Schulentwicklungsprozessen über digitale Kanäle? 

Community Calls bieten Gelegenheit für den gemeinsamen Austausch

Anna Fröhlich ist Schulleiterin der Grundschule Westersburg in Solingen in Nordrhein-Westfalen. Ihre Schule und ihr Kollegium seien digital affin, erzählt sie, dennoch beschäftigten auch sie zu Beginn der coronabedingten Schulschließungen viele Herausforderungen und ungelöste Probleme. Durch eine Empfehlung aus dem Twitterlehrerzimmer stieß sie auf das Forum Bildung Digitalisierung – und einen dort angebotenen Community Call zum Thema „Digitale Grundschule“ in der Corona-Zeit. Kurzerhand meldete sie sich für das offene Format an. 

Anfang April 2020 setzte sich Anna Fröhlich schließlich vor den heimischen Computer und loggte sich in ihren ersten Community Call ein. Jacob Chammon, der Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, diskutierte dort über eine Stunde lang mit einer Schulleiterin, einem Konrektor, einer IT-Beauftragten und einer Medienbeauftragten von unterschiedlichen Grundschulen über deren Herausforderungen während der Corona-Krise. Die Gäste tauschten sich über ihre Erfahrungen mit Beziehungsarbeit während des Lockdowns aus, über den Einsatz von Lernplattformen für Schüler:innen und Erklärvideos für das Kollegium. Anna Fröhlich lauschte nicht nur der Diskussion, sondern beteiligte sich auch selbst aktiv in Form von Kommentaren und Nachfragen. „Beziehungslernen steht mehr und mehr im Fokus“, tippte sie in den Chat, „gerade in diesen doch sehr wirren Zeiten.“

Diese aktive Beteiligung aller Teilnehmenden entspricht der Idee hinter den Community Calls: Anders als bei Vorträgen findet der Wissenstransfer nicht bloß in eine Richtung statt. Anstelle von eingeladenen Referent:innen, die Wissen frontal teilen, werden Community Calls als Lerngemeinschaft verstanden. Sie schaffen einen geschützten Rahmen, in dem Schulleitungen, Lehrkräfte und andere an der Digitalisierung von Schulen beteiligte Personen Erfahrungen austauschen und reflektieren können.  Die Gäste werden dabei nicht wie allwissende Expert:innen behandelt, sondern als Teil der gemeinsamen Lern-Community. Auch alle anderen Teilnehmenden haben die Möglichkeit, über den Chat Fragen zu stellen und eigene Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen.

So funktioniert ein Community Call

Eine Fragestellung, ein:e Moderator:in, ein bis vier eingeladene Gäste, ein gemeinsamer Videokonferenzraum – das ist das Setting der sogenannten Community Calls. Zur Zielgruppe zählen Schulleitungen, Lehrkräfte und alle anderen an der Digitalisierung von Schulen beteiligte Personen. Das vorab festgelegte Diskussionsthema bewegt sich immer rund um den Schwerpunkt digitale Schulentwicklung. Alle Teilnehmenden können sich aktiv  in den Erfahrungsaustausch einbringen. Sie können im Chat Fragen stellen, Tipps geben und eigene Erfahrungen schildern.

Der Bedarf an schulübergreifendem Austausch ist groß

Chat-Teilnehmende können dabei kurzerhand auch zum Hauptgast bei einem der nächsten Termine werden – wie im Falle von Anna Fröhlich. Nach ihrer ersten Erfahrung als Teilnehmende lud Jacob Chammon die Schulleiterin als Gast in einen der nächsten Community Calls zum Thema „Digitale Grundschule – Gestaltung von Beziehungen“ ein. Neben eigenen Learnings gab Anna Fröhlich dort auch emotionale Einblicke in ihren Gemütszustand. So sprach sie etwa darüber, wie anstrengend die erste Zeit der Schulschließungen für sie als Schulleiterin war und wie sie ihrem Team Eigenverantwortung in Sachen Pausen und Erreichbarkeit nahelegte. Statt Patentrezepte zu verkünden, ging es in diesem wie auch den anderen Community Calls um Prozesswissen und ein Miteinander auf Augenhöhe. „Ich suche vor allem Vernetzung und Austausch“, erklärt Anna Fröhlich. Statt Profilierung stünden bei den Community Calls das Miteinander und das Profitieren von anderen guten Ansätzen und Ideen im Vordergrund.

Sich in geschütztem Rahmen mit eigenen Potenzialen und Chancen, aber auch Vorurteilen und Blockierungen auseinanderzusetzen, kann ein wertvoller Anstoß zur persönlichen Weiterentwicklung sein.

Eine interne Auswertung der Community Calls des Forums zeigt: Der Bedarf an derlei schulübergreifendem Austausch schien in Zeiten der Schulschließungen groß zu sein. Zwischen Ende März und Ende Juni 2020 konnten durch die Community Calls an 13 Terminen knapp 700 Teilnehmende erreicht werden. Viele  der Teilnehmenden waren dabei Lehrkräfte (30 Prozent) und Schulleitungen (12 Prozent). Aber auch Medienpädagog:innen, Vertreter:innen der Verwaltung und Schulträger nahmen teil. Die Themen reichten von Bildungsgerechtigkeit und kollegialer Kooperation bis hin zu Empfehlungen für das Schuljahr 2020/21. Nicht nur die Hauptgäste, sondern auch die Chat-Teilnehmenden beteiligten sich sehr aktiv mit fachlichen Beiträgen. 

Formate wie der Community Call geben damit allen Beteiligten die Möglichkeit zur Reflexion – über sich selbst, die eigene Organisation oder ein systemisches Problem im Kontext der Digitalisierung. Sich in geschütztem Rahmen mit eigenen Potenzialen und Chancen, aber auch Vorurteilen und Blockierungen auseinanderzusetzen, kann ein wertvoller Anstoß zur persönlichen Weiterentwicklung sein. Für Schulleitungen bieten derlei Formate darüber hinaus eine Möglichkeit, das eigene Führungsverhalten kritisch zu reflektieren.  Daneben können im Sinne der Schulentwicklung auch konkrete Handlungssituationen im Kontext der Digitalisierung besprochen werden und mit Peers Erfahrungen ausgetauscht und Perspektiven gewechselt werden. Die Reflexion und der Vergleich mit anderen Modellen guter Praxis erlauben am Ende Ansatzpunkte zur Verbesserung.

Web-Seminare liefern vertiefendes Wissen zu Fachfragen

Neben den Community Calls bot das Forum Bildung Digitalisierung auch Web-Seminare an. Dabei werden Fachfragen vertiefend behandelt, die sich im Zuge der digitalen Schulentwicklung ergeben haben. Expert:innen aus unterschiedlichen Fachgebieten geben den Teilnehmenden Inputs, Hinweise und Empfehlungen für die Umsetzung von Schulentwicklungsprozessen. Kurze praktische Übungen und Reflexionsrunden, bei denen die Teilnehmenden mithilfe digitaler Tools das Gelernte in die Praxis übersetzen, verstärken den fachlichen Austausch. Die Schulleiterin Anna Fröhlich nahm an einem Web-Seminar zum Thema Datenschutz teil. Dabei konnte sie ihr Grundlagenwissen zur DSGVO und zum Urheberrecht auffrischen. „Bei mir ergaben sich viele Gedankenanstöße, mit deren Hilfe ich im Anschluss an das Web-Seminar die Datenschutz-Abfragen an unserer Schule genauer in den Blick genommen und verifiziert habe“, erzählt sie.

Die technische Infrastruktur für digitale Formate aufzubauen, ist mit vergleichsweise wenig Aufwand verbunden. Das Forum entschied sich für die Webinar-Software edudip, weil diese auf deutschen Rechenzentren gehostet wird und DSGVO-konform genutzt werden kann. Auf Extra-Kameras oder Blue-Screen-Lösungen verzichtete man zugunsten der Einfachheit und schnellen Umsetzung in Corona-Zeiten. 

Erkenntnisse aus digitalen Formaten werden in die Praxis überführt

Anna Fröhlich kann dem digitalen und schulübergreifenden Austausch viel abgewinnen – auch unabhängig von Schule in Zeiten der Pandemie. Gerade für familiär und beruflich eingespannte Personen aus dem Schulbereich seien Weiterbildungsangebote im virtuellen Raum ein Gewinn. Schulleitungen könnten zeitlich und örtlich flexibel daran teilnehmen und sich ein professionelles Netzwerk aufbauen. Sich unbekannten Menschen über die Web-Kamera zu zeigen, erfordere Mut – sei aber auch eine Gewöhnungssache. Wer sich beim ersten Mal nicht zeigen wolle, könne die Kamera ausschalten und nur zuhören – ein weiterer Vorteil des digitalen Formats. Dennoch können die digitalen Formate die persönliche Vernetzung nicht ersetzen. Ob wechselseitige Schulbesuche oder Veranstaltungen, die eine längere Aufmerksamkeitsspanne erfordern – manche Lernangebote sind in der Offline-Welt besser aufgehoben.  

Ob wechselseitige Schulbesuche oder Veranstaltungen, die eine längere Aufmerksamkeitsspanne erfordern – manche Lernangebote sind in der Offline-Welt besser aufgehoben.

An ihrer Schule in Solingen versucht Anna Fröhlich einstweilen, die neu gewonnenen Eindrücke in die Praxis zu überführen. In vielen Fragen habe sie sich durch den digitalen Austausch in Sachen Schulentwicklung bestätigt gefühlt, erzählt sie. In mancherlei Hinsicht sei sie aber auch neu inspiriert worden, etwa durch die Empfehlung von konkreten Apps oder Kommunikationstools. Aktuell versucht Anna Fröhlich ihre Schule bestmöglich auf die Option einer weiteren Schulschließung vorzubereiten und sich im Fernunterricht gut aufzustellen. Als Schulleiterin setze sie dabei auf viel Transparenz und Offenheit – in Bezug auf die Schüler:innenschaft und die Eltern, aber auch in Bezug auf ihr Kollegium. „Ich versuche jeden noch so kleinen Mutausbruch meiner Lehrkräfte wertzuschätzen“, sagt sie. „Denn klar ist: Wir alle entwickeln uns ständig weiter.“

Anja Reiter

Anja Reiter arbeitet als freie Journalistin in Bonn, vor allem zu Bildungs-, Umwelt-, Digitalisierungs- und Gesellschaftsthemen. Zu ihren journalistischen Auftraggebern zählen Die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und das Greenpeace Magazin. Daneben hilft sie bei der Konzeption von Magazinen, gibt Workshops für journalistischen Nachwuchs und moderiert Podiumsdiskussionen. Außerdem ist sie im Vorstand der Freischreiber aktiv, dem Berufsverband der freien Journalist:innen. 

https://anjareiter.com/