Interview
Kristin van der Meer: „Die KI sollte zum strukturierenden Lernpartner werden”
von
mit Kristin van der Meer und Wenke Funke
veröffentlicht am 03.09.2025
Lesezeit: 9 Minuten
Die digitale Transformation bietet für Schulen die Möglichkeit, Lernerlebnisse zu personalisieren und damit stärker auf individuelle Bedürfnisse und Interessen der Schüler:innen auszurichten. In einem solchen Unterricht braucht es aufseiten der Lehrkräfte eine Reflexion der eigenen Rolle sowie produktive Handlungsräume vonseiten der Schulleitung.
Wenke Funke und Kristin van der Meer, Schulleiterin und Lehrerin an der Neuen Grundschule Potsdam, erklären anlässlich der Konferenz Bildung Digitalisierung (KonfBD25) im Interview, wie generative Künstliche Intelligenz (KI) das personalisierte Lernen revolutioniert, wie sie mit Lerndaten umgehen und wo ihre roten Linien bei der Personalisierung verlaufen. Bei der KonfBD25 diskutieren sie dies auch im interaktiven Round Table „Künstliche Intelligenz in der Grundschule – Chancen, Herausforderungen und ethische Fragen”.
Frau van der Meer, in einem LinkedIn-Post schreiben Sie: „Es ist kein Widerspruch, KI in der Grundschule einzusetzen, sondern ein Muss.“ Wie begründen Sie das?
Kristin van der Meer: Wir sehen im Bildungssystem zum ersten Mal eine Transformation von unten nach oben. Das heißt, Hochschulen und weiterführende Schulen werden gezwungen, von heute auf morgen Schule und Bildung neu zu denken, weil sich die Schüler:innen und Studierenden alles mit KI erstellen lassen können, was sie sich bisher anders erarbeiten sollten. Die Aufgabe der Grundschule sehe ich darin, neue Lernkulturen und davon ausgehend neue Prüfungsformate zu entwickeln. Die KI sollte dabei zum strukturierenden Lernpartner werden. Sie soll wie ein Arbeitsheft, ein Füller oder ein Lineal als Werkzeug dienen, das dabei hilft, schneller und einfacher zu lernen.
Wenke Funke: Es muss auch darum gehen, kritisch mit den Technologien umzugehen und sie aktiv anzuwenden. Im Kontext der Demokratiebildung halte ich das für unerlässlich, um nicht in die Fänge von Algorithmen und Fake News zu geraten. Dafür brauche ich das nötige Rüstzeug. Wenn ich mir das erst aneigne, wenn ich wahlberechtigt bin, ist es zu spät. Deshalb kann man nicht früh genug damit beginnen. Wichtig ist aber, dass kein Skill Skipping, sondern im Gegenteil eine bewusste und kritische Anwendung befördert wird.
»Bei der Auseinandersetzung mit der KI müssen wir viel laufen lassen, damit eine kritische Reflexion überhaupt erst eintreten kann. Ich muss als Lehrkraft in der Lage sein, loszulassen.«
Wie regen Sie diese kritische Auseinandersetzung mit der KI und den von ihr produzierten Ergebnissen im Unterricht an?
Kristin van der Meer: Wir haben festgestellt, dass das am besten gelingt, wenn wir den Unterricht von Anfang an öffnen und auf personalisiertes Lernen setzen. Die KI ist bei uns ein strukturierender Lernpartner und hilft den Kindern, Denkprozesse sichtbar zu machen. Ein einfaches Beispiel aus meinem Unterricht: In der vierten Klasse haben sich die Schüler:innen eine Gliederung zum Thema Wasser erstellen lassen. Sie haben von mir Vorgaben bekommen, was diese Gliederung enthalten soll. Auf der Grundlage konnten die Kinder mit der KI ins Gespräch gehen und entscheiden, ob sie das vorgeschlagene Ergebnis nutzen möchten. Einige Schüler:innen waren zuerst völlig zufrieden. Sie haben, als sie die Inhalte ihren Mitschüler:innen präsentieren sollten, aber festgestellt, dass einige Aspekte überhaupt nicht zusammenpassen.
Was ich damit sagen möchte: Soweit muss ich die Schüler:innen erst einmal kommen lassen. Natürlich hätte ich in diesem Prozess schon vorher eingreifen können. Wahrscheinlich hätte ich das vor drei Jahren auch noch getan, weil ich gesehen hätte, dass etwas in die falsche Richtung läuft. In der Auseinandersetzung mit der KI müssen wir das aber laufen lassen, damit genau diese kritische Reflexion überhaupt erst eintreten kann. Ich muss als Lehrkraft in der Lage sein, loszulassen. Für die nächste Gliederung ist den Schüler:innen jetzt klar: Ich muss direkt zu Beginn prüfen, ob die Gliederungspunkte zusammenpassen, um mir eine Menge unnötiger Arbeit zu ersparen.
Welche Fähigkeiten, die nicht primär im digitalen Raum erworben werden, brauchen Schüler:innen, damit ein selbstgesteuertes Lernen mit KI-Tools funktionieren kann?
Wenke Funke: Die Kinder brauchen eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sie sich ihr Ergebnis vorstellen. Gleichzeitig sind aber auch fachspezifische Vorkenntnisse nötig, damit sie der KI entsprechende Anweisungen geben können. Wenn die Kinder zum Beispiel mithilfe der KI ein Frühlingsgedicht schreiben möchten, müssen sie sich vorher Gedanken darüber machen, wie viele Strophen und Verse das Gedicht haben soll, in welchem Schema es geschrieben sein soll und welche spezifischen Wörter darin vorkommen sollen. Um das gewünschte Ergebnis zu bekommen und dieses dann auch reflektieren zu können, ist viel Vorwissen nötig.
Kristin van der Meer: Hinzu kommt, dass die Kinder in der Lage sein müssen, sehr konkret zu formulieren. Wenn ich der KI sage, ich möchte Mathe üben, bekomme ich definitiv kein individualisiertes Lernerlebnis. Und da schließt sich dann der Kreis: Um das in der konkreten Form formulieren zu können, muss ich sehr klar wissen, was überhaupt mein Lernziel ist.
»Ich muss meine Schulleiterin nicht um fünf weitere Lehrkräfte bitten, um eine individuelle Förderung umsetzen zu können. Ich habe 20 weitere kleine Lehrkräfte in meinem Unterricht, die ich gezielt einsetzen kann, wenn ich sie brauche.«
Wie hat die generative KI die Möglichkeiten des personalisierten Lernens verändert? Was ist konkret dadurch möglich, was vorher nicht möglich war?
Kristin van der Meer: Kurz gesagt: Die Schüler:innen arbeiten schneller und besser. Wenn ich früher Leistungsnachweise eingesammelt habe, brauchte ich – wenn ich schnell war – eine Woche dafür, sie zu korrigieren und den Schüler:innen zurückzugeben. Und ich konnte Korrekturzeichen und Symbole an den Text schreiben, wie ich wollte – die emotionale Beziehung der Schüler:innen zum Text ist in der Zwischenzeit verloren gegangen. Heute kann die KI in wenigen Sekunden ein Feedback geben, das immer erstmal positiv ist und dadurch extrem dazu motiviert, den eigenen Text sofort zu überarbeiten. Und die Kinder gehen dann auch häufig gar nicht weiter mit der KI ins Gespräch, sondern besprechen das Feedback untereinander. Sprich: Das Arbeiten in einem Lernraum ist mittlerweile ein ganz anderes. Ich muss meine Schulleiterin nicht um fünf weitere Lehrkräfte bitten, um eine individuelle Förderung umsetzen zu können. Ich habe 20 weitere kleine Lehrkräfte in meinem Unterricht, die ich gezielt einsetzen kann, wenn ich sie brauche.
Welche Tools, Programme und Apps nutzen Sie an Ihrer Schule für welche Zwecke?
Wenke Funke: Seit drei Jahren hat jede Lehrkraft Zugriff auf fobizz. Alle Tools, die dort angeboten werden, können wir also mit den Schüler:innen nutzen – und zwar datenschutzkonform. Einerseits handelt es sich – wie Kristin schon skizziert hat – um Feedback-Tools. Gleichzeitig kann ich aber auch Podcasts erstellen, Interviews mit berühmten Persönlichkeiten führen, die schon längst tot sind, oder Bilder generieren. Die Auswahl ist aber enorm und was im Unterricht konkret zum Einsatz kommt, kann ich kaum überblicken.
Kristin van der Meer: Wie schon gesagt, haben wir über fobizz sehr viele Möglichkeiten. Wenn wir beispielsweise sehen, dass die Lerngruppe noch nicht so weit ist, um wirklich selbstorganisiert zu arbeiten, programmieren wir Chatbots, sodass sie sich in einer geschlossenen KI-Umgebung aufhalten können. Die versehen wir ständig mit Zusatzanweisungen – zum Beispiel, dass die KI keine Lösungen vorgeben oder bei Beleidigungen zurück zum Thema führen soll. Für Rechtschreibgespräche nutzen wir etwa DeepL Write. Darüber hinaus experimentieren wir gemeinsam mit den Schüler:innen gerne mit verschiedenen Sprachmodellen wie Mistral und Claude. Bei all dem ist auch wieder zentral, dass ich nicht davon ausgehe, die Allwissende zu sein, und neugierig zu bleiben. Die Schüler:innen sind einfach wesentlich schneller darin, neue Tools auszuprobieren.
»Wenn Datenpunkte auf der Ebene der Lerngruppen abweichen, lassen sich daraus beispielsweise Fortbildungsbedarfe der Lehrkräfte ableiten. Gleichzeitig sollte man den Eindruck von Kontrolle vermeiden.«
Bei der Arbeit mit diesen Tools werden ja massenhaft Lerndaten produziert. Wie gehen Sie mit diesen Daten um?
Kristin van der Meer: Bei fobizz können wir etwa über einen Inkognito-Modus nachvollziehen, wie der Lernverlauf einzelner Schüler:innen aussieht, wo Fehlerbilder und Stärken liegen. Auf der Grundlage kann ich mit dem Kind darüber ins Gespräch kommen und die nächsten Lernschritte planen. Das heißt, ich möchte diese Daten weniger zur Kontrolle, sondern vielmehr zur gemeinsamen Reflexion mit den Schüler:innen nutzen. Und wichtig ist: Es handelt sich bei diesen Datenpunkten nur um Hinweise, nicht um Diagnosen.
Wenke Funke: Für mich haben diese Daten einen enormen empirischen Wert. Wenn Datenpunkte auf der Ebene der Lerngruppen abweichen, lassen sich daraus beispielsweise Bedarfe der Lehrkräfte für ihren eigenen Unterricht ableiten. Gleichzeitig sollte man tatsächlich den Eindruck von Kontrolle vermeiden. Insgesamt sehe ich darin einen großen Erkenntnisspeicher.
Wo sind Ihre roten Linien? Wie weit sollte Personalisierung mithilfe von KI und Lerndaten gehen und was sollte man nicht tun, obwohl es technisch möglich wäre?
Kristin van der Meer: Wenn wir beginnen, Kinder einfach in Schubladen zu sortieren, weil das ein System so vorgibt, anstatt mit den Kindern ins Gespräch zu gehen, ist für mich eine Grenze überschritten. Auch wenn eine KI sehr präzise Muster erkennen kann, darf sie niemals der Maßstab für Entwicklung sein. Schulübergangsempfehlungen dürfen zum Beispiel niemals automatisiert vorgenommen werden – auch in Zeiten von Personalmangel. Wenn Personalisierung zu einer Optimierung führt, haben wir in meinen Augen etwas grundlegend falsch verstanden. Unser Ziel ist nicht Effizienz, sondern Bildung.
Wenke Funke: KI darf aus meiner Sicht niemals soziale Bindungen ersetzen. Wenn Schüler:innen zu mir sagen würden: „Ich habe mir eine KI erschaffen und sie ist jetzt meine Freundin“, dann schrillen bei mir die Alarmglocken.
Zur Person
Wenke Funke ist Schulleiterin an der Neuen Grundschule in Potsdam. Mit klaren Visionen für eine zeitgemäße, inklusive Bildung gestaltet sie Schule als Lern- und Lebensort für alle. Ihr Fokus liegt auf moderner Teamführung, Schulentwicklung und der Integration digitaler sowie innovativer Lernformate, immer mit dem Blick auf die Potenziale jedes einzelnen Kindes.
Zur Person
Kristin van der Meer ist Lehrerin an der Neuen Grundschule Potsdam. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Themen selbstreguliertes Lernen, KI-gestützter Unterricht, Makerspaces und Schulentwicklung. Außerdem ist sie Autorin (z. B. Deutsches Schulportal, FelloFish), Speakerin und Co-Host des Podcasts „Die Bildungsbaustelle“.