Interview

Nina Kolleck: „Die Förderung digitaler Souveränität ist immer ein Schritt in Richtung Demokratiebildung“

von Torben Bennink
mit Nina Kolleck
veröffentlicht am 15.09.2025
Lesezeit: 8 Minuten

Um selbstbestimmt handeln zu können, sollten Kinder und Jugendliche früh Verantwortung für ihre Lebenswelt übernehmen. Fake News und Desinformation sind dabei ständige Begleiter des Aufwachsens. Das rückt die Schule in die Verantwortung, demokratische Prozesse zu ermöglichen und gleichzeitig Resilienz und Nachrichtenkompetenz in einer Kultur der Digitalität zu stärken. Digitale und soziale Medien bieten spezifische Chancen und Herausforderungen für die Demokratiebildung.

Anlässlich der Konferenz Bildung Digitalisierung 2025 (KonfBD25) erläutert Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, wie sie den Status quo der Demokratiebildung in der Schule einschätzt, welche Formate eine demokratische Schulkultur fördern und wie digitale Tools dabei unterstützen können. Bei der KonfBD25 diskutiert sie in einem Panel mit dem Titel „Talk. Swipe. Vote? Digitale Souveränität als Schlüssel zur demokratischen Resilienz”.

Wie gut gelingt es Schulen bisher, Kinder und Jugendliche für demokratische Werte und das demokratische Engagement zu begeistern?

Aus meiner Perspektive gibt es da deutlichen Optimierungsbedarf. Das liegt allerdings nicht in erster Linie an den Schulen selbst, sondern daran, dass dem Thema in Zeiten von PISA-Schocks und der Pandemie viel zu wenig Aufmerksamkeit gegeben wurde – und immer noch wird. Der Fokus liegt deutlich mehr auf den sogenannten Kernfächern. Eines der wichtigsten Ziele der Schule ist es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und politische Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Dabei kommt die Unterstützung, sich politisch selbstwirksam zu fühlen, zu kurz. Das gilt einerseits für das Schulfach Politik, das nicht durchgängig unterrichtet oder teils ganz in anderen Fächern aufgelöst wird. Andererseits braucht es mehr reale Beteiligungsmöglichkeiten, die es Schüler:innen erlauben, die Wirksamkeit ihres eigenen Handelns in der Gesellschaft zu erkennen. Nur so können sie eine politische Selbstwirksamkeit herausbilden.

»Die politische Bildung der Zukunft muss eng mit digitaler Bildung und Medienbildung verknüpft sein.«

Nina Kolleck

Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen einer so verstandenen Demokratiebildung und digitaler Souveränität?

Die Kombination der Punkte, die ich oben skizziert habe, schafft Resilienz gegenüber Desinformation und Verschwörungserzählungen, denen Kinder und Jugendliche eben besonders häufig im digitalen Raum begegnen. Deshalb muss die politische Bildung der Zukunft eng mit digitaler Bildung und Medienbildung verknüpft sein. Andersherum ist die Förderung von digitaler Souveränität für mich immer ein Schritt in Richtung Demokratiebildung.

Massenmedien verlieren ihre Mittlerfunktion und werden durch soziale Medien ersetzt, Bilder und Videos können mithilfe von KI manipuliert werden, Algorithmen bestimmen, was Kinder und Jugendliche online sehen. Welcher Auftrag erwächst daraus für die Schule?

Wir haben viele Anhaltspunkte dafür, dass soziale Medien ihren Einfluss auf politische Einstellungen weiter steigern werden. Schüler:innen erhalten ihre Informationen nicht mehr aus der Tagesschau, sondern werden in sozialen Medien mit Fake News, Desinformation, Hass und Gewaltverherrlichung geflutet. Das ist gegenwärtig und auch zukünftig die Realität. Wir müssen daher von Anfang an ihre Resilienz stärken und aufzeigen, wie sie Informationen und ihre Quellen bewerten können. Und das muss in der Schule passieren, da es die einzige Institution ist, die alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Wichtig ist mir, dass wir politische Bildung nicht als Elitenprojekt begreifen, sondern allen Kindern und Jugendlichen – egal in welcher Schulform – in gleicher Quantität und Qualität ermöglichen. Gerade für Kinder, die von zu Hause nicht so viel Vorwissen und Einblicke mitbekommen, ist das wichtig. Bisher ist die politische Bildung an den Gymnasien deutlich stärker vertreten als an den anderen Schulformen.

»Schüler:innen merken, wenn Demokratie draufsteht, aber nicht Demokratie drin ist. Wenn es bei einer Scheinbeteiligung bleibt, ist die Grundlage für Demokratieverdrossenheit schon gelegt.«

Nina Kolleck

Es wird viel von Demokratiebildung gesprochen. Gleichzeitig wird auch häufig betont, dass Demokratie nur praktisch erlernt werden kann. Welche Formate halten Sie für vielversprechend, um jungen Menschen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten für ihren Alltag zu ermöglichen?

Es gibt nicht das eine Format, das man allen Schulen überstülpen könnte. Aber es gibt viele schöne Beispiele – etwa das Konzept „Schule als Staat”, bei dem sich die ganze Schule in einen Staat verwandelt, den die Schüler:innen gründen. Das finde ich eine tolle Idee, um politisches Verständnis und Vertrauen zu entwickeln. Auch Bürger:innenräte für Schüler:innen können ein gutes Mittel sein. Diese Bürger:innenräte muss man auch nicht auf die Schule begrenzen, sondern kann sie auch für die Region öffnen. Dann lernen die Schüler:innen eventuell noch Berufsfelder, Ausbildungsstätten oder andere Institutionen wie Sportvereine und Musikschulen im Umkreis kennen. An vielen Schulen gibt es darüber hinaus ja schon Schüler:innenräte oder Schulparlamente. Wo es aber bisher oft hakt und wo ich eine große Gefahr sehe: Man muss es dann auch richtig machen und den Jugendlichen tatsächliche Mitbestimmung ermöglichen. Die Kinder sind ja nicht blöd. Sie merken, wenn Demokratie draufsteht, aber nicht Demokratie drin ist. Wenn es bei einer Scheinbeteiligung bleibt, ist die Grundlage für Demokratieverdrossenheit schon gelegt.

»Die Ergebnisse der ICILS-Studie zeigen beispielsweise, dass die Nutzung digitaler Medien für politische Bildung häufig unterrepräsentiert bleibt.«

Nina Kolleck

Welche spezifische Rolle können digitale Medien bei der Demokratiebildung einnehmen?

Digitale Medien bieten auf den ersten Blick Potenziale, demokratische Bildung praxisnah und anschaulich zu vermitteln. Gerade soziale Medien fördern an sich aber keine demokratischen Prozesse. Richtig eingesetzt, können digitale Tools jedoch für die Demokratiebildung genutzt werden. Ein Beispiel sind simulierte politische Prozesse. Virtual-Reality-Anwendungen erlauben es beispielsweise, parlamentarische Abläufe nachzuvollziehen oder politische Reden „live“ zu verfolgen, wodurch Fachwissen und politische Funktionsweisen anschaulich vermittelt werden. Solche Anwendungen ergänzen den Unterricht, ersetzen jedoch nicht die aktive Beteiligung und praktische Erfahrungen. Insgesamt befinden sich Unterrichtseinheiten und Programme zur Demokratiebildung noch in einer vergleichsweise frühen Entwicklungsphase und sind oft komplexer zu implementieren als beispielsweise Sprachlernangebote, da sie sowohl fachliches Wissen als auch methodische Kompetenzen in politischer Partizipation erfordern. Das zeigt sich auch in der Praxis: So zeigen die Ergebnisse der ICILS-Studie beispielsweise, dass digitale Kompetenzen in Schulen noch sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und die Nutzung digitaler Medien für politische Bildung häufig unterrepräsentiert bleibt.

»Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Themen nicht nur als Querschnitt behandelt werden, sondern im Lehrplan der jeweiligen Fächer verankert sind. So wird sichergestellt, dass Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse kontinuierlich und systematisch mit den Themen Fake News, Algorithmen und Social Media konfrontiert werden.«

Nina Kolleck

Wie können Themen wie Fake News, Algorithmen und Social Media konkret im Unterricht Berücksichtigung finden?

Ich finde es schwierig, dazu ein konkretes Setting für alle Schulformen vorzuschlagen, da die Voraussetzungen der Lerngruppen stark variieren und auch aktuelle Interessen und Mediennutzung eine Rolle spielen. Lehrkräfte sollten daher zunächst mit den Schüler:innen ins Gespräch gehen, um aktuelle Trends, Fragen und Probleme zu identifizieren. Darauf aufbauend können sie aus einem „Instrumentenkasten“ an Methoden gezielt passende Beispiele auswählen. Das könnten etwa Analysen aktueller Meldungen sein, bei denen Schüler:innen Nachrichten auf ihre Quellen prüfen, Fake News erkennen und deren Wirkung diskutieren. Auch Projektarbeiten, bei denen die Schüler:innen eigene Beiträge für Blogs, Podcasts oder Videos erstellen und dabei bewusst auf Quellen und Fakten achten, sind eine Möglichkeit. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Themen nicht nur als Querschnitt behandelt werden, sondern im Lehrplan der jeweiligen Fächer verankert sind. So wird sichergestellt, dass Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse kontinuierlich und systematisch mit den Themen Fake News, Algorithmen und Social Media konfrontiert werden.

Braucht es zusätzlich ein Fach „Demokratiebildung”?

Man muss es nicht zwingend Demokratiebildung nennen, sondern es kann auch weiterhin politische Bildung, Medienbildung oder digitale Bildung heißen. Aber diese Themen sollten im Curriculum eines Faches einen festen Platz haben und kontinuierlich angeboten werden. Als Querschnittsthema wird es aus meiner Sicht im schulischen Alltag zerrieben.

Es gibt ja zahlreiche Initiativen, die sich die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz auf die Fahnen geschrieben haben — etwa „Journalismus macht Schule“ oder „SPREUWEIZEN“. Welches Potenzial sehen Sie in diesen Initiativen für die digitale Souveränität Jugendlicher?

Ich finde diese Ansätze sehr wichtig. Diese Personen, die von außen in die Schule kommen, haben aus meiner Erfahrung einen ganz anderen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen. Mit den Lehrkräften kann die Beziehung im Einzelfall etwa sehr festgefahren sein und die Schüler:innen können das Gefühl haben, sie würden ohnehin nur bewertet. Deswegen können solche Initiativen nochmal einen ganz anderen Impuls in die Schulen bringen. Ein Problem ist aus meiner Sicht, dass sowas vor allem Lehrkräfte in Anspruch nehmen, die sowieso schon sehr engagiert sind, und Freiräume von der Schulleitung bekommen. Es ist dadurch bislang eher ein Add-on und hat eine gewisse Beliebigkeit.

Zur Person

Prof. Dr. Nina Kolleck ist seit 2023 Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Vorher war sie Professorin für Politische Bildung und Bildungssysteme an der Universität Leipzig. Sie arbeitet zu Themen wie Demokratiebildung, Soziale Netzwerke, Verschwörungserzählungen und Jugendforschung. Zuletzt war sie als Teil der Arbeitsgruppe „Soziales und Bildung“ an der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ beteiligt.

Torben Bennink

Torben Bennink studierte Lehramt an Gymnasien an der Universität Osnabrück. Als freier Journalist schreibt er für Table.Briefings und Plan BD über Querschnittsthemen der Bildungspolitik und -forschung, unter anderem Digitale Transformation und Lehrkräftebildung.
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