Interview

Ferda Ataman: „Nachrichten- und Medienkompetenz müssen integraler Bestandteil der Lehrkräfteausbildung und im Schulunterricht sein”

von Judith Kunz, Wiebke Klecar
mit Ferda Ataman
veröffentlicht am 17.05.2022
Lesezeit: 7 min

Jugendliche verbringen sehr viel Zeit im Netz – stoßen dort aber neben seriösen Informationen auch auf falsche und manipulierte Inhalte. Das Projekt weitklick möchte Schulen und Lehrkräfte dabei unterstützen, einen präventiven Umgang mit Desinformation zu vermitteln, um die Medien- und Nachrichtenkompetenz junger Menschen gezielt zu fördern.

Falschnachrichten – absichtlich falsche und manipulierte Inhalte – zielen auf die Spaltung der Gesellschaft. Der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie haben in erschreckender Weise gezeigt, welche entscheidende Rolle sie hinsichtlich der Radikalisierung einzelner Bevölkerungsteile spielen. Um dieser Radikalisierung entgegentreten zu können, müssen Rezipient:innen in der Lage sein, Inhalte einzuordnen, zu hinterfragen und den Wahrheitsgehalt von Informationen zu überprüfen. 

Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, da sie erst noch lernen müssen, sich eine Meinung zu bilden und daher besonders leicht beeinflussbar sind. Gerade im Kontext Schule sind Medien- und Nachrichtenkompetenz von enormer Relevanz. An der Schule werden diese Kompetenzen aber selten gezielt gefördert – auch weil vielen Lehrkräften das Wissen dazu fehlt. 

Diese Lücke möchte das Projekt weitklick schließen und unterstützt Lehrer:innen dabei, das Thema Desinformation nachhaltig in den Unterricht zu integrieren. Um dies zu erreichen, bringt weitklick Lehrkräfte mit Medienschaffenden im Rahmen von Webinaren und Fortbildungen zusammen.

Ferda Ataman ist freie Journalistin und Beiratsvorsitzende des Projekts. Wir haben sie nach ihrer Perspektive auf das Thema gefragt.

Foto: Sarah Eick

Zur Person

Ferda Ataman ist Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Gründerin der Unternehmensberatung „Diversity Kartell“. Ehrenamtlich ist sie Vorsitzende im Verein Neue deutsche Medienmacher*innen, der sich für mehr Vielfalt in den Medien und einen rassismuskritischen Diskurs einsetzt. Für ihre Arbeit und ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2019 den Julie und August Bebel Preis für innovative und emanzipatorische Beiträge zur Politischen Bildung. Ferda Ataman lebt (gern) in Berlin.

Liebe Frau Ataman, sind Sie selbst schon einmal auf eine Falschnachricht hereingefallen – und wenn ja, welche?

Mir fällt jetzt spontan nichts ein. Aber als Journalistin bin ich auch gewohnt, neue Informationen, vor allem wenn sie ungewöhnlich klingen, zu überprüfen. Trotzdem passieren natürlich auch uns Fehler. Wie leicht es ist, Fake News in Medien einzuschleusen, haben wir 2009 mit der Bluewater-Affäre erlebt, als die Nachrichtenagentur dpa und andere auf einen erfundenen Bombenanschlag in der ebenfalls erfundenen kalifornischen Kleinstadt Bluewater hereinfielen.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Gefahren von Desinformationen?

Desinformation kann unterschiedliche Motive haben. Zum Beispiel wirtschaftliche, wenn in der Werbung zuckersüßer Joghurt als gesund für Kinder gepriesen wird. Im Internet sind gezielte Täuschungen meist politisch motiviert. Zum Beispiel, wenn rechtsextreme Youtuber:innen behaupten, Geflüchtete bekämen Geld vom Staat hinterhergeschmissen, während Deutsche schlecht behandelt würden. Oder wenn Rechtsextreme oder Islamist:innen antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten. Oder die Behauptung, dass die Corona-Impfung gefährlicher sei als das Virus selbst. Solche manipulativen Falschinformationen fördern Extremismus und Politikverdrossenheit und sind zu einer ernsten Bedrohung für unsere Demokratie geworden.

»Wenn Schulen Kinder und Jugendliche nicht aufs Lernen in der digitalen Welt vorbereiten, haben sie leider versagt.«

Ferda Ataman

Warum sind Medien- und Nachrichtenkompetenz besonders für junge Menschen heute so wichtig?

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind „Digital Natives“. Die meisten verbringen sehr viel Zeit im Netz, haben Social-Media-Accounts und stellen ihre Fragen an Tiktok, Google und Youtube, statt an Menschen um sie herum. Aber im Internet warten neben seriösen Informationen auch jede Menge unseriöse Informationsquellen auf sie. Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen die Antworten qualitativ einordnen können.

Welchen Beitrag müssen Schulen und Lehrkräfte leisten, um die Medien- und Nachrichtenkompetenzen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu stärken? Und warum ist die Schule der richtige Ort dafür?

Der Schulunterricht muss sie auf die Informationsflut im Netz vorbereiten. Lehrkräfte können ihre Schüler:innen natürlich genau wie Eltern nicht dauerhaft durchs Netz begleiten. Aber sie können ihnen erstens die notwendige Portion Skepsis und Vorsicht beibringen. Und zweitens ein Handwerkszeug mitgeben, um seriöse von unseriösen Quellen zu unterscheiden. Die Schule, wo Grundlagen fürs Lernen gelegt werden, ist genau der richtige Ort dafür. Wenn Schulen Kinder und Jugendliche nicht aufs Lernen in der digitalen Welt vorbereiten, haben sie leider versagt.

Das Projekt weitklick unterstützt Lehrkräfte dabei, einen präventiven Umgang mit Desinformation zu vermitteln. Was genau ist das Besondere an weitklick und warum braucht es Projekte wie dieses?

Die digitale Medienbildung steckt in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Deshalb brauchen Lehrkräfte Unterstützung für den Umgang mit Fake News im Unterricht. Und darum geht es im Projekt weitklick. Das Projekt setzt auf den Austausch zwischen Lehrer:innen und Journalist:innen und unterstützt pädagogisches Personal dabei, einen präventiven Umgang mit Desinformation zu vermitteln. Dafür stellt weitklick Schulen und Lehrenden nachhaltig und dauerhaft Instrumente zur Verfügung, damit sie selbst die Medienkompetenz der Schüler:innen ausbauen können. Schließlich unterrichten sie die Wähler:innen von morgen.

Aus Ihrer Sicht als Journalistin: Was kann der Journalismus hier beitragen?

Viele Medienschaffende engagieren sich gern in Schulen und bieten ihr Wissen in Workshops und Video-Lehrmaterial an, um dabei zu helfen, die Medienkompetenz junger Menschen zu stärken. Journalist:innen können erklären, worauf es bei seriösen Nachrichten ankommt und welche Tricks Fake-News-Produzent:innen anwenden. Sie können anhand von aktuellen Beispielen zeigen, wie leicht Bilder gefälscht oder einfach in einen falschen Kontext gesetzt werden können. Und sie können all die Fragen, die junge Menschen rund um Medien haben, beantworten und ihnen zeigen, wie sie die Antworten auf ihre Fragen im Internet recherchieren können.

»Um die Nachrichten- und Medienkompetenz allgemein in der Gesellschaft zu stärken, führt langfristig kein Weg an den Schulen vorbei.«

Ferda Ataman

Was macht gute Nachrichtenangebote aus, die Jugendliche heute erreichen? Und welche Rolle spielen dabei Fragen von Repräsentation und Diversität?

Das sind wichtige Fragen, denn ein Teil des Problems ist auch, dass Desinformations-Kanäle und unseriöse Influencer:innen oft sehr gut darin sind, junge Menschen digital abzuholen, während viele klassische Nachrichtenmedien eher Schwierigkeiten haben, sie zu erreichen. Ein Grund dafür dürfte durchaus mangelnde Repräsentation sein: Menschen interessieren sich für Medieninhalte, in denen Leute wie sie vorkommen. Wer junge Menschen erreichen will, muss ihre Interessen kennen und ihre Lebenswelt im Programm abbilden. Und dazu gehört, dass 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland aus Familien mit Migrationsgeschichte stammen. In vielen Städten sogar über 50 Prozent. Will man sie abholen, muss man diese Realität auch abbilden.

Bei weitklick steht der Austausch zwischen Medienschaffenden und Lehrenden im Fokus: Wie können beide hier voneinander lernen?

Journalist:innen können erklären, wie man Fake News entlarvt und wie Bilder eingesetzt werden, um manipulativ zu wirken. Lehrkräfte sind dagegen im täglichen Kontakt mit jungen Menschen, kennen ihre Interessen und Probleme. Daher können sie Journalist:innen Einblicke in die Lebenswelt und Fragestellungen von Jugendlichen bieten. Der Austausch zwischen Schulen und Medien kann also für beide Seiten sehr fruchtbar sein – nicht nur für die Schulen und Schüler:innen, sondern auch für Medien. Die Schüler:innen von heute sind die Medienkonsument:innen der Zukunft.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen beim Umgang mit Desinformation und Verschwörungsmythen? Was braucht es langfristig, um Medien- und Nachrichtenkompetenzen nachhaltig zu stärken?

Verschwörungserzählungen und Fake News gab es auch schon vor dem Internet. Aber die Dimension und das Tempo, mit dem sie sich inzwischen verbreiten, haben zugenommen. Deswegen brauchen wir Social-Media-Konzerne, die verantwortungsbewusst mit der demokratischen Sprengkraft ihrer Algorithmen umgehen. Gerade die Coronakrise hat gezeigt, wie wichtig es ist, aktiv gegenzusteuern, wenn Impfgegner:innen und Pandemieleugner:innen Lügen verbreiten. Das gleiche gilt schon lange für rassistische und antisemitische Ideologien oder Propaganda für Djihadismus. Das ist alles nur ein paar Klicks von unseren Kindern entfernt. Um die Medienkompetenz allgemein in der Gesellschaft zu stärken, führt langfristig kein Weg an den Schulen vorbei. Hier muss digitale Medienkompetenz integraler Bestandteil der Lehrkräfteausbildung und im Schulunterricht sein.

Judith Kunz

Judith Kunz studierte Politikwissenschaften und Politische Theorie in Hamburg, Frankfurt am Main und New York. Anschließend arbeitete sie als Bildungsreferentin in einem BMBF-geförderten Projekt zu digitalem Storytelling in der Berufsbildung. Seit 2019 ist sie bei der FSM Projektmanagerin für „weitklick-Das Netzwerk für digitale Medien- und Meinungsbildung“.

https://www.weitklick.de/

Wiebke Klecar

Wiebke Klecar studierte Journalistik und Politische Kommunikation und war anschließend Teil des Referats für Öffentlichkeitsarbeit und Digitale Kommunikation im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Seit 2020 ist sie Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM).

https://www.fsm.de/