Interview

Alexander Brand: „Der Weg in die Digitalität wird vor allem als Frage des Kompetenzaufbaus verstanden“

von Birte Gernhardt
mit Alexander Brand
veröffentlicht am 26.02.2026
Lesezeit: 6 Minuten

Sechs Monate lang reiste Alexander Brand durch Finnland, Estland, Japan und Singapur, besuchte rund 30 Schulen, beobachtete Unterricht und sprach mit Lehrkräften, Forschenden und Bildungspolitik. Im Interview erklärt er, warum digitale Transformation weit mehr ist als Technik und welche Schritte Deutschland jetzt dringend gehen müsste.

Für sein Buch „Die Bildungsweltmeister – Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können“ hat der Bildungsjournalist und Lehrer Alexander Brand vier PISA-Spitzenländer besucht. Mit im Fokus: Wie verknüpfen sie Digitalisierung mit Unterrichtsentwicklung und einer neuen Lernkultur aus Kooperation, Feedback und gemeinsamer Verantwortung für Lernen?

Für Ihr Buch sind Sie durch vier der leistungsstärksten Schulsysteme der Welt gereist. Was hat Sie dort am meisten überrascht?

Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent viele dieser Systeme in die Professionalität der Lehrkräfte investieren. Kollegiale Zusammenarbeit und kontinuierliche Weiterbildung sind dort selbstverständlich – auch mit Blick auf digitale Unterrichtsentwicklung. Der Weg in die Digitalität wird vor allem als Frage des Kompetenzaufbaus verstanden: Wie gestalten wir Unterricht gemeinsam weiter? Wie nutzen wir Daten und digitale Werkzeuge, um Lernprozesse sichtbar zu machen und besser zu unterstützen? 

In der deutschen Debatte wird bei der Digitalisierung dagegen häufig noch über Geräte gesprochen. Was machen die von Ihnen besuchten Länder hier anders?

Estland ist ein gutes Beispiel dafür, wie Schulen von einem funktionierenden digitalen Ökosystem profitieren. Dort gibt es seit Jahren digitale Klassenbücher und eine landesweite Online-Bibliothek für Unterrichtsmaterial. Lehrkräfte können damit Lernpakete schnüren und diese mit ihren Klassen teilen. Entscheidend ist jedoch, dass der Einsatz digitaler Medien einem klaren didaktischen Ziel folgt. Zudem werden Lehrkräfte durch professionelle Supportstrukturen unterstützt. So gibt es seit 2005 das Berufsbild der Bildungstechnolog:innen. Sie sind Teil des Kollegiums, beraten Lehrkräfte bei der Auswahl von Tools und entwickeln gemeinsam mit ihnen didaktische Konzepte.

Bildungstechnolog:innen in Estland

Estland hat ein eigenes Berufsprofil für digitale Schulentwicklung etabliert: Bildungstechnolog:innen. Sie beraten Lehrkräfte bei der Mediennutzung, unterstützen bei der technischen Infrastruktur und begleiten Schulentwicklungsprozesse. So wird Digitalisierung systematisch abgesichert, hängt weniger vom Engagement einzelner Schulen ab und begleitet Schulentwicklungsprozesse in Richtung einer reflektierten digitalen Lernkultur.

Woran entscheidet sich, ob digitale Nutzung hilfreich oder schädlich wird?

In der letzten PISA-Studie schnitten Schüler:innen, die digitale Medien bis zu einer Stunde pro Tag zum Lernen nutzten, weltweit besser ab als diejenigen, die sie gar nicht nutzten. Bei mehr als drei Stunden kippt der Zusammenhang aber ins Negative. Entscheidend ist vor allem die Qualität der Nutzung: Hilft das Tool, Lernen sichtbar zu machen? Bekommen Lernende Feedback? Werden Aufgaben adaptiv an ihren Lernstand angepasst? In Estland verbringen Jugendliche im internationalen Vergleich relativ wenig Zeit mit digitalen Medien, erreichen aber, wie EU-weite Befragungen ergeben, hohe digitale Kompetenzen. Das zeigt: Die reine Bildschirmzeit ist wenig aussagekräftig.

»Entscheidend ist vor allem die Qualität der Nutzung: Hilft das Tool, Lernen sichtbar zu machen? Bekommen Lernende Feedback? Werden Aufgaben adaptiv an ihren Lernstand angepasst?«

Alexander Brand

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie in Singapur Lehrkräfte den Unterricht in Echtzeit an den Lernstand der Schüler:innen anpassen – auch mit digitalen Tools. Was ist die didaktische Idee dahinter?

Die didaktische Idee dahinter ist das sogenannte „formative Assessment“: Anstatt den Lernstand der Schüler:innen erst am Ende einer Unterrichtseinheit zu überprüfen – etwa durch eine Klausur –, nutzen Lehrkräfte verschiedene Methoden, um das Verständnis der Kinder schon während des Lernprozesses zu erfassen und den Unterricht daran anzupassen. Das kann analog passieren, zum Beispiel mit Mini-Whiteboards, also DIN-A4-großen, beschreibbaren weißen Tafeln. Die Lehrkraft stellt eine Frage, die Kinder schreiben ihre Antworten auf die Whiteboards und halten sie hoch. So sieht die Lehrkraft von allen gleichzeitig die Antworten und kann spontan darauf eingehen. Ich habe in Singapur aber auch viele digitale Umsetzungen dieses Prinzips erlebt.

Formatives Assessment – Lernen sichtbar machen

Formatives Assessment bezeichnet Verfahren, mit denen Lehrkräfte den Lernstand kontinuierlich erheben und ihren Unterricht darauf anpassen. In Singapur ist dieser Ansatz systemweit verankert. Typische Instrumente sind kurze Lernstandsabfragen, Exit-Tickets oder Antwortkarten. Ziel ist es, den Lernprozess stärker in den Mittelpunkt zu rücken und frühzeitig zu unterstützen. So wird Unterricht zu einem gemeinsamen, dateninformierten Lernprozess von Lehrkraft und Lernenden.

Und wie sieht das in der digitalen Praxis konkret aus?

Mittlerweile läuft da viel mit KI. Ein Geschichtslehrer hat mir von einer Stunde erzählt, in der seine Schüler:innen im Unterricht schriftlich darlegen sollten, welche Eigenschaften der NSDAP den Aufbau des totalitären Staates begünstigt haben.  Sie verfassten die Texte auf ihren Laptops, sodass die KI diese nach der Schreibphase auswerten konnte. Der Lehrer erhielt nach wenigen Minuten eine Live-Analyse: Welche Aspekte wurden von wem verstanden, wo gibt es Lücken? Er nutzte diese Übersicht, um die anschließende Diskussion besser zu moderieren. Solche Formen des formativen Assessments – analog und digital – sind fest in der Unterrichtskultur Singapurs verankert.

Kooperation ist ein weiteres Leitmotiv Ihres Buches. Welche Rolle spielt Teamarbeit in den Bildungsweltmeister-Ländern?

In Singapur gibt es beispielsweise sogenannte „professionelle Lerngemeinschaften“, in denen Lehrkräfte wöchentlich in festen Teams ihren Unterricht weiterentwickeln: Sie analysieren Lernstände, entwickeln gemeinsam Unterrichtssequenzen und diskutieren, wie Forschungsergebnisse in den eigenen Kontext übertragen werden können. Diese Treffen sind nicht „on top“, sondern Bestandteil der Arbeitszeit und klar strukturiert. In Finnland wird Teamarbeit schon in der Ausbildung eingeübt: Praxisphasen finden überwiegend im Tandem oder Trio statt, Unterricht wird gemeinsam geplant, durchgeführt und reflektiert. In Deutschland dagegen prägt das Referendariat häufig noch das Bild der Einzelkämpferin oder des Einzelkämpfers, der allein die perfekte Stunde abliefern muss – das macht echte Ko-Konstruktion schwieriger.

»In Finnland wird Teamarbeit schon in der Ausbildung eingeübt: Praxisphasen finden überwiegend im Tandem oder Trio statt, Unterricht wird gemeinsam geplant, durchgeführt und reflektiert.«

Alexander Brand

Wenn Sie aus Ihren Beobachtungen in den PISA-Spitzenländern konkrete Schritte für Deutschland ableiten: Was müsste sich hierzulande am dringendsten ändern?

Neben Visionen von der „Schule der Zukunft“ müssen wir über unsere Veränderungsstrategie, also den Weg dorthin, sprechen. Singapur arbeitet beispielsweise mit mehrjährigen Digitalstrategien, sogenannte EdTech-Masterpläne, die seit Ende der 1990er Jahre Kompetenzaufbau, Infrastruktur und neue Tools systematisch aufeinander abstimmen. Das Bildungsministerium achtet auch stark darauf, die Schulen nicht mit Veränderungen zu überfordern. Es gibt den Schulen zwar eine Richtung vor, in die sie sich entwickeln sollten, es lässt ihnen aber genug Autonomie, um ihr eigenes Tempo und den zu ihnen passenden genauen Weg zu finden.

Und noch ganz kurz ein Blick auf Ihr Buch: Für wen haben Sie „Die Bildungsweltmeister“ geschrieben?

Das Buch richtet sich an alle, die sich für Schule und Bildung interessieren – von Eltern und Lehrkräften über Schulleitungen bis hin zur Bildungspolitik. Mir war wichtig, die Reiseerfahrungen anschaulich zu erzählen und viele konkrete Einblicke aus Schulen zu geben. Es ist bewusst erzählerisch geschrieben und gut lesbar, verbindet Storytelling mit Analyse und ordnet die Beobachtungen für den deutschen Kontext ein – einschließlich der Frage, wie eine kluge digitale Transformation aussehen kann.

Zur Person

Alexander Brand ist Bildungsjournalist, Autor und Lehrer in Hamburg. Er arbeitet als Redakteur beim Deutschen Schulportal der Robert Bosch Stiftung und unterrichtet in Teilzeit an einer Stadtteilschule. Für sein Buch „Die Bildungsweltmeister“ (Beltz, 2026) hospitierte er sechs Monate in Schulen der PISA-Top-Ländern in Finnland, Estland, Japan und Singapur. Er studierte Mathematik und Physik auf Lehramt sowie Bildungspolitik in Augsburg, Washington, Finnland und Glasgow.

Birte Gernhardt

Birte Gernhardt ist Crossmedia-Journalistin mit den Schwerpunkten Bildung, Nachhaltigkeit und Soziales. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren in verschiedenen Medienformaten und setzt komplexe Themen verständlich und spannend in Szene. Als Nina Grunenberg Fellow für Bildungsjournalismus 2023 befasste sie sich intensiv mit Bildungspolitik, Lehrkräftebildung und Schulentwicklung. Für das lernen:digital Magazin sowie in ihrem „Weltverbesserer“-Podcast bringt sie Perspektiven aus Praxis, Forschung und Zivilgesellschaft in den öffentlichen Diskurs ein.

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