Interview

Birgit Eickelmann: „Die Dynamik der Veränderung stellt uns in Deutschland vor große Herausforderungen“

von Anja Reiter
veröffentlicht am 23.05.2022
Lesezeit: 9 min

Die Fachtagung „Dimension Digitalisierung – Schule stärken“ widmet sich 2022 dem Gesamtsystem Schule. Wie gut gehen wir in Deutschland mit der Dynamik der digitalen Transformation um? Wie gelingt es uns, ein Zukunftsbild für Schule in der Kultur der Digitalität zu formulieren? Die Bildungsforscherin Birgit Eickelmann liefert Antworten.

Gemeinsam mit der Ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK) und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein veranstaltet das Forum Bildung Digitalisierung am 23. und 24. Mai 2022 die Fachtagung „Dimension Digitalisierung“. Unter dem Schwerpunkt „Schule stärken“ widmet sich das Programm in diesem Jahr auf das ganzheitliche System Schule.

Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, erläutert im Gespräch, wie ein Fitnessprogramm für Schulen in der Kultur der Digitalität aussehen könnte – und welche Akteure daran beteiligt sein müssen.

Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

Zur Person

Birgit Eickelmann ist Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der digitalen Schulentwicklung und der Transformation von Schulen und Schulsystemen im 21. Jahrhundert. Seit fast 20 Jahren erforscht sie mit einer international und europäisch vergleichenden Perspektive die Entwicklung von Schule und Unterricht unter den Bedingungen gesellschaftlicher Digitalisierungsprozesse. Für Deutschland leitet sie neben dem Horizon-Vorhaben DigiGen u. a. die IEA-Studien ICILS (International Computer and Information Literacy Study 2013, 2018 und 2023).

Der Schwerpunkt der diesjährigen Fachtagung „Dimension Digitalisierung“ lautet „Schule stärken“. Wie kann ein Fitnessprogramm für Schulen aussehen, wenn es insbesondere um die Dimension der Digitalisierung geht?

Schule zu stärken umfasst unterschiedliche Dimensionen. Eine Perspektive ist es, Schule von außen zu stärken, also Unterstützung für die Prozesse der Schulentwicklung bereitzustellen und alle beteiligten Akteure zusammenzubringen. Eine andere Perspektive ist es, Schulen dabei zu helfen, sich selbst dauerhaft zu stärken, sie also zu befähigen, die Veränderungen zu gestalten. In einer Kultur der Digitalität gibt es allerdings nie ein starres Zukunftsbild. Das macht die Dynamik der Veränderungen aus.

Welche Stakeholder können Schulen bei diesem Prozess helfen?

Mittlerweile hat sich das Bild gefestigt, dass die Veränderungenin Schulen nicht allein um die Lehrer:innen betreffen. Das ist erfreulich. Nach der Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse dachte man zunächst, man müsse vor allem die Lehrer:innen fit machen und den Unterricht ändern. Heute sind wir hier ein großes Stück weiter. Gerade mit dem Blick auf Digitalisierungsprozesse wissen wir, dass Schulleitungen und deren Teams eine ganz wichtige Schlüsselfunktion einnehmen. Auch Schulträger haben eine wichtige Rolle in diesem Prozess, genauso wie die Schulaufsicht und die Bildungsadministration.

Wie können diese Akteure vernetzt werden und ihre Ideen in die Umsetzung kommen?

Wenn die unterschiedlichen Akteure bei Veranstaltungen zusammenkommen, werden ihre Grammatiken und Sprachen aneinander angeglichen und so eine Perspektivübernahme ermöglicht. Kontoinuierlicher Austausch und Vernetzung ist zentral. Mindestens ebenso wichtig ist es aber, die Vernetzung in die Breite zu bringen. Wir schrauben sonst immer an den kleinen Stellschrauben, dabei müssten wir auch die systemische Ebene weiterentwickeln. Ein Beispiel wäre das Thema Schularchitektur: Lehren und Lernen sind in der Kultur der Digitalität schon lange nicht mehr an einen Ort gebunden. Lernorte verändern sich und müssen sich verändertn. Zudem gilt es, einen Blick auf die Schule als ein Arbeitsplatz der Zukunft zu richten. Dieser muss sich auch deshalb verändern, damit der Beruf der Lehrer:in wieder für junge Menschen attraktiv wird.

Welche Stakeholder werden gerne vergessen, wenn es um die Stärkung der Schule geht?

Zum einen sind das die Kinder und Jugendlichen selbst. Haben wir sie eigentlich jemals gefragt, wie sie sich Schule vorstellen? In unserem europäischen Forschungsprojekt DigiGen tun wir genau das und haben ganz interessante Dinge erfahren: Kinder und Jugendliche wünschen sich, viel stärker auf ihre Zukunft in einer digitalen Gesellschaft vorbereitet zu werden. Für ihr Leben wünschen sie sich mehr Chancen und Kompetenzen und haben auch Sorgen, wenn sie auf die Zukunft blicken. Wenn wir sie fragen, was sie sich genau wünschen, sind sie unendlich kreativ, haben unglaublich tolle Ideen. Daher: Schulen sollten vielleicht stärker auf sie hören und sie wirklich einbeziehen.

Es ist überraschend, dass Sie als Erstes ausgerechnet die Schüler:innen nennen, die zu wenig einbezogen werden. Um sie sollte es in der Schule ja zuallererst gehen.

Kinder und Jugendliche werden nicht an allen Orten vergessen. Wir kennen Schulen, die Schulentwicklung sehr partizipativ angehen. Doch es ist ein schwieriger Prozess: Kinder und Jugendliche sind keine einheitliche Gruppe, sondern sehr unterschiedlich. Diese Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, ist auch unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit wichtig. Mich treibt nicht nur um, wie wir Kinder und Jugendliche eineziehen können, sondern wie wir wirklich alle mitnehmen können.

»Wir müssen scheinbar lernen, systemisch dynamischer zu werden.«

Birgit Eickelmann

Gibt es eine weitere Gruppe, die sich stärker einbringen sollte?

Die zweite Gruppe, von der ich hoffe, dass sie sich noch stärker selbst in die Verantwortung nimmt, ist die Schulaufsicht. Im Grunde genommen hat sie ja nicht die oft vorangestellte Kontroll-, sondern vor allem eine Unterstützungsfunktion für Schulentwicklungsprozesse. Es gibt bereits Schulaufsichten, die sehr zukunftsorientiert sind, andere hinken den schulischen Entwicklungen hinterher. Dabei müssten sie den Schulen nicht nur einen Schritt voraus sein, sondern sogar Treiber von Innovationen sein.

Was können Bildungsregionen tun, um ihre Schulen zu stärken?

Das Konzept der Bildungsregionen hat einen großen Vorteil: Man kann in Bildungsbiografien, Bildungsketten bzw. Bildungsübergängen denken, auch im Hinblick auf die Übergänge in die berufliche Bildung und die Betriebe. Das Ziel ist, ein vergleichbar gutes Bildungsangebot für alle Schüler:innen. Es darf keine Rolle spielen, ob ein Kind morgens in den Schulbus einsteigt, der nach rechts oder der nach links fährt. Jedoch fehlt im Moment vielerorts noch die Kommunikation zwischen den Akteuren. Schnittstellen müssen identifiziert, Ressourcen zur Verfügung gestellt und Prozesse moderiert werden. Alle müssen dabei mit Empathie für die anderen Akteure an und in der gemeinsamen Bildungsregion arbeiten.

Um Schule zu stärken, müssen auch finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden.

Die Bildungsausgaben sind der große Elefant im Raum, über den niemand wirklich spricht. Wenn Menschen Dinge voranbringen, eine Tagung stattfindet und Ideen festgehalten werden, ist das ja immer gut und schön. Aber letztendlich muss all das – um nachhaltig wirksam zu werden – finanziell unterfüttert werden. Vor allem auch die universitäre Lehramtsausbildung könnte noch mehr nach Zukunft aussehen. Das wird mir immer klar, wenn ich Universitäten in anderen Ländern besuche Viel zu häufig hängt es auch hier noch von einzelnen Personen und deren Einsatz ab. Dabei bräuchte es ein Commitment für die Sache. Ideen sind in allen Phasen der Lehrkräftebildung da, aber diese müssen schneller in die Umsetzung gebracht werden und ausfinanziert werden.

Welche Rolle spielen Wissenschaftler:innen beim Stärken von Schule?

Die wissenschaftliche Perspektive ist in Deutschland vor allem nach der sogenannten empirischen Wende, insbesondere also nach dem PISA-Schock, in den Blick gerückt. Seither hat man mit großer Systematik beständig versucht, bildungspolitische Entscheidungen auch an wissenschaftlichen  Erkenntnissen auszurichten. Das ist aus meiner Sicht wichtig und richtig. Dabei profitieren wir davon, dass wir in Deutschland eine starke europäische und internationale Bildungsforschung haben.. Beim Blick über den Tellerrand ist meine größte Feststellung: Wir dürfen nicht nur schauen, was die anderen Länder machen, sondern auch wie sie ihre Prozesse gestalten. Warum dauert in Deutschland etwas zehn Jahre, was in Dänemark nur drei Jahre dauert? Wir müssen scheinbar lernen, systemisch dynamischer zu werden.

»Wir müssen den Kindern und Jugendlichen den Weg der Beteiligung öffnen und dafür sorgen, dass sie diese Chance auch ergreifen.«

Birgit Eickelmann

Gibt es eine Vision der Schule der Zukunft – oder sind wir noch zu sehr im Kleinklein verhaftet?

Jetzt wäre ein guter Moment, ein richtiges Zeitfenster, um an einer konkreten Vision zu arbeiten. Niemand hat aber die berühmte Glaskugel, die uns sagt, wie die Zukunft aussehen wird. Wir müssen uns daher verdeutlichen: Unsere Zukunft sieht so aus, wie wir sie gestalten. Die Herausforderung und Chance im föderalen System ist es, bundesländerübergreifend eine Vision der Schule der Zukunft entwickeln, ihre Grundpfeiler, ihre Besonderheiten in der Digitalität. Im nächsten Schritt müssen wir uns überlegen: Wie können wir diese Vision beständig erneuern, wie können wir neue wir die Dynamiken aufgreifen? Die Dynamik der Veränderung stellt uns in Deutschland vor große Herausforderungen Manchmal denke ich, wir müssen uns einfach auch einmal ein bisschen locker machen.

Brauchen wir eine Vision, auf die sich alle einigen – oder sind auch verschiedene Visionen möglich?

Als Wissenschaftlerin würde ich mir wünschen, dass wir verschiedene Wege ausprobieren und dabei systematisch begleiten, um hinterher etwas über die Wirksamkeit sagen zu können. Das könnte z. B. regional unterschiedlich sein. Trotzdem braucht es  auch eine übergreifende Idee, wie sie etwa als politische Verankerung im Koalitionsvertrag steht, die es jetzt auszugestalten und weiterzuentwickeln gilt. Zeitgleich können wir schauen, was die Umsetzungen dann im Einzelnen für die verschiedenen Akteure, die Regionen und für die verschiedenen Administrationen bedeutet. Das alles muss jedoch Hand in Hand gehen, um ins Handeln zu kommen.

Was würden Sie sich von Schüler:innen:innen vermehrt wünschen, um das System Schule zu stärken?

Aus meiner Sicht hätte ich mir gewünscht, dass  die Schüler:innen in den letzten Jahren noch viel lauter gewesen wären, gerade in der Pandemiezeit. Wir haben immer über sie gesprochen, selten mit ihnen. Das müssen wir nun ändern, denn es geht um ihre Zukunft und die Zukunft unserer Gesellschaft und Demokratie. Ich befürchte, dass sie sich schon zu sehr daran gewöhnt haben, nicht gehört zu werden. Wir müssen ihnen daher deutlich machen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Kinder und Jugendlichen sehen ja, dass es für sie und ihr Leben einen Unterschied macht, ob sie an einer digital fortgeschrittenen Schule sind oder an einer digital nicht fortgeschrittenen. Das sind die neuen Bildungsungleichheiten. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen den Weg der Beteiligung öffnen und dafür sorgen, dass sie diese Chance auch ergreifen. Dafür braucht es sowohl auf Schulebene als auch auf Schulsystemebene bessere Partizipationsstrukturen. Nur so kann man der Stimme der nächsten Generation mehr Argumentationsgewalt verleihen.

Anja Reiter

Anja Reiter arbeitet als freie Journalistin in Bonn, vor allem zu Bildungs-, Umwelt-, Digitalisierungs- und Gesellschaftsthemen. Zu ihren journalistischen Auftraggebern zählen Die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und das Greenpeace Magazin. Daneben hilft sie bei der Konzeption von Magazinen, gibt Workshops für journalistischen Nachwuchs und moderiert Podiumsdiskussionen. Außerdem ist sie im Vorstand der Freischreiber aktiv, dem Berufsverband der freien Journalist:innen. 

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