Gastbeitrag

MINT-Bildung in der Pandemie: Die Held:innen der Bildung in Lateinamerika

von Nina Smidt
veröffentlicht am 07.10.2021
Lesezeit: 10 min

Wie nie zuvor fordert die Pandemie Lehrkräfte und Erzieher:innen heraus. In Lateinamerika trifft die Umstellung auf digitalen Schulunterricht auf große soziale Unterschiede. Lehrkräfte schlüpfen in die Rolle von technischen Anleiter:innen, Sozialarbeiter:innen und Polarforscher:innen. Wie durch eine Initiative der Siemens Stiftung und in Kooperation mit einem breiten Partnernetzwerk erfolgreiche MINT-Bildung in dieser Zeit mit innovativen Lehr- und Lernmaterialien sowie einer großen Portion Eigeninitiative und Kreativität gelingen kann, berichten drei Vertreterinnen des Bildungssektors in Mexiko und Chile.

Alles würde sich durch diese Krise ändern. Das spürte Emma Janelle Uc Artigas bereits wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie. Die Mitarbeiterin der Bildungsbehörde des Bundesstaates Veracruz in Mexiko koordiniert die Aus- und Fortbildung von Grundschullehrkräften. In normalen Zeiten trifft sie die von ihr betreuten Lehrkräfte von Angesicht zu Angesicht, arbeitet eng mit ihnen zusammen, berät und unterstützt im Schulalltag. Im März 2020 änderte sich das schlagartig. In virtuellen Beratungsgesprächen bekam sie ganz persönliche Einblicke in deren herausfordernden Alltag. „Viele litten unter Depressionen. Manche hatten Angehörige durch das Virus verloren. Das hatte einen sehr starken Einfluss auf ihr tägliches Leben. Ihre Leistung litt und der Stress beeinträchtigte ihre Gesundheit“, erzählt Uc Artigas. „Sie mussten die Verpflichtungen des normalen Alltags bewältigen, neben ihrer Arbeit und gleichzeitig in Isolation mit anderen Familienmitgliedern.“

Grosser Bedarf, begrenzte Ressourcen

Die COVID-19-Pandemie trifft Lateinamerika hart: Die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation UNESCO geht davon aus, dass 160 Millionen Schüler:innen von Schulschließungen betroffen sind. Strenge Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen machen Präsenzunterricht unmöglich. „Unser Bildungssystem war nicht darauf vorbereitet, eine solche Situation zu bewältigen“, sagt Uc Artigas. „Niemand hat uns wirklich Orientierung gegeben“, berichtet auch María Marcela Vargas Fernández, Erzieherin in Santiago de Chile. „Ich hatte ziemlich Sorge, ob wir das überhaupt schaffen.“ Die 53-Jährige unterrichtet 32 Schüler:innen im Vorschulalter zwischen fünf und sechs Jahren an der öffentlichen Schule República de Brasil. Wie die meisten ihrer Kolleg:innen musste sie von heute auf morgen lernen, mit ihren Schüler:innen virtuell in Kontakt zu treten, damit deren frühkindliche Bildung und Ausbildung stattfinden konnte. „Die erste Zeit war mit viel Stress und Angst verbunden und der Frage: Werde ich das überhaupt stemmen können?“, erinnert sie sich.

MINT-Bildung für Innovation – eine Initiative der Siemens Stiftung in Lateinamerika

(spanisch: Educación-STEM para la Innovación, englisch: STEM Education for Innovation)

In Lateinamerika sind seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie rund 160 Millionen Schüler:innen von Schulschließungen betroffen. (Quelle: UNESCO) Die Siemens Stiftung gründete die Bildungsinitiative „MINT-Bildung für Innovation“ in Zusammenarbeit mit 14 lokalen Bildungsinstitutionen aus 7 Ländern Lateinamerikas. Die Initiative wird mit Spendengeldern in Höhe von 500.000 Euro von dem gemeinnützigen Verein Siemens Caring Hands e. V. unterstützt. https://siemens-caring-hands.org/

Im Rahmen der Bildungsinitiative entstanden bis Dezember 2021:

  • mehr als 250 frei zugängliche Bildungsmedien
  • rund 100 MINT-Lehrkräfteschulungen
  • mit Onlineschulungen können bis zu 20.000 Lehrkräfte erreicht werden und somit circa 450.000 Schüler:innen in 7 Ländern Lateinamerikas
  • langfristig werden entwickelte Bildungsmedien unter freier Lizenz in mehreren Sprachen verfügbar sein

14 Partnerprojekte in bisher 7 Ländern sind Teil der Initiative:

  • 6 Projekte in Chile
  • 3 in Kolumbien
  • 1 in Ecuador
  • 1 in Argentinien
  • 1 in Mexiko
  • 1 in Peru
  • 1 in Brasilien

Plattformen für Open Educational Resources für Lehrkräfte und Pädagog:innen:

Ein Großteil von Vargas Fernández Schüler:innen stammt aus Familien mit Migrationshintergrund aus Venezuela, Kolumbien und Peru. Soziale Unterschiede innerhalb der Gesellschaft sind in Lateinamerika generell groß, dadurch gestaltet sich zudem die Konnektivität in den privaten Haushalten sehr unterschiedlich. Nicht alle Familien haben Internet, oft müssen sich mehrere Familienmitglieder ein Handy, Tablet oder einen Computer teilen, und auch das Datenvolumen dieser Geräte ist begrenzt. Diese Unterschiede vertiefen die Kluft zusätzlich. Die Erzieherin Vargas Fernández suchte deshalb zuerst in ihrem Umfeld nach technischen Geräten für ihre Schüler:innen. Sie versuchte zudem, bei lokalen Behörden öffentliche Gelder anzufragen. Vergeblich, wie sie sagt: „Es gibt einfach zu viele Kinder, die Bedarf haben.“ Unterrichtsplanung per Zoom heißt auch anders Lehren und Lernen. Wie viele Lehrkräfte begann Vargas Fernández, sich auf eigene Initiative mit Technologien vertraut zu machen, Tools und Apps zu nutzen sowie Programme zur Verbesserung des Unterrichts einzusetzen. „Ich habe mich selbst auch überrascht“, erzählt sie. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in der Lage sein würde, mit digitalen Medien und Tools so umgehen zu können, wie ich das jetzt tue. Nie zuvor habe ich Videos gedreht und geschnitten, nie per Zoom Unterricht und Spielstunden gehalten. Geschweige denn Programme und Apps wie Powerpoint, Canvas und mehr kombiniert. Aber es geht! Ich habe ständig dazu gelernt, ausprobiert.“

Neue Chancen

Die Krise wird die ganze Welt im Bildungsbereich langfristig beschäftigen und verändern. In diesen Veränderungen liegen große Herausforderungen, aber auch Chancen. Die Pandemie zeigt, dass Blended Learning – eine Kombination von Offline- und Online-Bildungsformaten und innovativen Methodiken – die notwendige Antwort auf die Herausforderungen dieser Zeit ist. Als Siemens Stiftung koordinieren wir seit Anfang 2021 eine länderübergreifende Bildungsinitiative in Lateinamerika. Mit „MINT-Bildung für Innovation – eine Initiative in Lateinamerika“ (spanisch: Educación-STEM para la Innovación, englisch: STEM education for innovation) entstehen innerhalb eines Jahres mehr als 250 frei zugängliche Bildungsmedien und -formate, die digital und analog angewendet werden können. Außerdem rund 100 digitale MINT-orientierte Lehrkräfteschulungen, die in Zusammenarbeit mit Ministerien und Bildungsbehörden bereits zum Einsatz kommen. Der Verein Siemens Caring Hands e. V. fördert die Initiative mit Spendengeldern in Höhe von 500.000 Euro. Das Auswärtige Amt unterstützt die Initiative. 

Die 14 Partnerprojekte werden in sieben Ländern Lateinamerikas entwickelt, von Akteuren mit langjähriger Erfahrung in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, darunter Universitäten, Bildungsbehörden und -institutionen. Koordiniert durch die Siemens Stiftung arbeiten sie als grenzübergreifendes MINT-Netzwerk in einem ko-konstruktiven Ansatz zusammen, tauschen Best-Practice-Beispiele zur Lehre aus und bilden neue kurz- und langfristige Kooperationen. „Auf diese Weise entsteht etwas Neues, das für die vielen Länder und Bildungskontexte Lateinamerikas in Zukunft nutzbar sein wird“, fasst Ulrike Wahl, Leiterin des Regionalbüros Lateinamerika der Siemens Stiftung, das Vorhaben zusammen.

»Die Pandemie zeigt, dass Blended Learning – eine Kombination von Offline- und Onlinebildungsformaten und innovativen Methodiken – die notwendige Antwort auf die Herausforderungen dieser Zeit ist.«

Nina Smidt

Foto: Siemens Stiftung

Hilfestellung durch Selektion und Qualitätssicherung

Der Bedarf an Blended-Learning-Materialien ist zwar groß, jedoch fehlt vielen Lehrkräften schlichtweg die digitale Erfahrung, um sich zielgerichtet in der unüberschaubaren Menge an Webinaren, Ressourcen und Apps im Internet orientieren zu können. Das berichtet auch Emma Janelle Uc Artigas für die Situation in Mexiko: „Die Organisation dieser Tools, die Auswahl der Inhalte, um das Beste für den Unterricht eines bestimmten Themas zusammenzustellen – das wird benötigt. Die Lehrkräfte sind oft zu erschöpft, eine Auswahl in dieser ohnehin schon schwierigen Alltagssituation zu treffen.“ 

Einfache Such- und Auswahlprozesse sowie unkomplizierte Zugänge zu den Inhalten sollten möglichst die Lehrkräfte entlasten und dabei unterstützen, die Lernziele ihrer Schüler:innen zu erreichen, meint sie. Echte Lösungen, das habe Uc Artigas gelernt, seien Plattformen, die diese Auswahl bereits für die Lehrkräfte ausgewertet und ihnen abgenommen haben: „CREA ist in dieser Hinsicht eine fantastische Hilfestellung.“ CREA, kurz für die spanische Bezeichnung Centro Recursos Educativos Abiertos, ist eine Open-Education-Resources-Plattform und wurde zu Beginn der Pandemie von der Siemens Stiftung und ihren lateinamerikanischen Partnern ins Leben gerufen. Das Angebot bündelt eine Fülle an geeigneten Blended-Learning-Materialien für den digitalen Unterricht rund um das Thema MINT und erspart Lehrkräften so die zeitintensive Suche im Internet. CREA ist ein weiterer Schritt hin zu einer Fülle an nachhaltigen Blended-Learning-Materialien, die auch im Rahmen der Bildungsinitiative der Siemens Stiftung entstehen und erweitert werden. Die Plattform ist damit ein Beitrag zur Open-Educational-Resources-Bewegung der UNESCO, die das Ziel verfolgt, hochwertige Bildungsinhalte frei zur Verfügung zu stellen, und die in Lateinamerika zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Experimentieren im eigenen Zuhause

Auf der CREA-Plattform finden Lehrkräfte auch Experimento, das internationale MINT-Bildungsprogramm der Siemens Stiftung. „Mit Experimento arbeite ich seit 2015, das hat sich in der Krisenzeit bewährt“, erzählt María Marcela Vargas Fernández. Sie wählt für ihre Klasse gezielt Experimente, die Materialien enthalten, die die Kinder zu Hause finden: „Wir haben eine Einwegplastikflasche zerdrückt und geguckt, wie sich die Flasche und deren Inhalt verhält, je nachdem, ob der Verschluss geöffnet oder verschlossen ist. Daraus schließen die Kinder, dass man Luft nicht sehen und fühlen kann, aber dass sie überall ist.“ In einem anderen Experiment ließ sie die Schüler:innen Kiesel, Öl, Salz oder Sand in ein Glas mit Wasser füllen um zu beobachten, wie sich die verschiedenen Materialien mit dem Wasser vermischen. 

Experimento wird nun von Lehrkräften wie Vargas Fernández im Rahmen der Bildungsinitiative an die neuen, virtuellen Bedürfnisse im Zusammenhang mit der Pandemie angepasst und ausgebaut. An dem Design von Experimento Blended arbeiten gemeinsam mit Vargas Fernández Fachkräfte der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso und Didaktiker:innen aus Ecuador, Kolumbien, Peru und Mexiko. Darunter ist auch die Lehrerin Jessica Espinoza Fuentes aus Chile. Die 47-Jährige unterrichtet 37 Grundschüler:innen der Schule Liceo Eugenia Subercaseaux in San Sebastián. „Die Acht- und Neunjährigen habe ich anderthalb Jahre nur per Internet erreicht. Ich versuche, so unterhaltsam und vielfältig wie möglich die Naturwissenschaften mit dem Sprachunterricht zu verbinden und den Kindern während des fordernden täglichen Unterrichts etwas Überraschendes am Bildschirm zu zeigen“, erzählt sie.

Foto: Siemens Stiftung

Lernen und Lehren über Grenzen hinaus

Espinoza Fuentes hat mit ihren Schüler:innen virtuelle Reisen in die Antarktis veranstaltet, in denen die Kinder sich vor dem Bildschirm warm anziehen mussten, bevor der Leiter der Militärbasis der Antarktis sie per Zoom durch den Schnee führte und ihnen die unterschiedlichen Formen von Wasser erklärte. „Sie lernen zu verstehen, wo sie leben, wie sie leben und was für ein gesundes, nachhaltiges, verantwortliches Zusammenleben wichtig ist“, sagt sie. Mit einem Forschungsprojekt zur Wassergewinnung aus Nebel gewannen die Kinder nicht nur einen Preis, sondern konnten ganz konkret etwas zur Lösung der Wasserknappheit in ihrer Region beitragen. 

Per Google Maps ist Espinoza Fuentes mit ihren Schüler:innen um die ganze Welt gereist. „Es gibt keine Grenzen mehr. Die Kombination aus ‚Hands-on-Unterricht‘ mit dem Experimento-Kit, der Internetverbindung und dem Bildschirm hat meinen Unterricht mit zusätzlichen Methoden und Themen bereichert“, erzählt sie.

Foto: CC BY-SA W. Bulach / Wikimedia Commons

Kreativität und Offenheit ermöglichen Zugang zu Bildung

Die mutige und kreative Herangehensweise vieler Lehrkräfte in Lateinamerika hat Kindern auch in der Pandemie den gleichberechtigten Zugang zu Bildung ermöglicht, die Erfüllung eines Grundrechts. Was in den vergangenen eineinhalb Jahren der Pandemie in der MINT-Bildung in Lateinamerika erreicht wurde, ist in erster Linie eine Leistung der Pädagog:innen. Sie sind die wahren Held:innen der Pandemie. Der Handlungsbedarf ist jedoch nach wie vor sehr groß. Deshalb arbeitet das Team der Siemens Stiftung gemeinsam mit dem Partnernetzwerk weiter intensiv daran, all die Praxiserfahrungen und Perspektiven aus den sehr verschiedenen Bildungskontexten Lateinamerikas in die weitere Entwicklung der Bildungsinitiative einfließen zu lassen. Wir sind davon überzeugt: Gemeinsam können wir die Zukunft der MINT-Bildung auf dem Kontinent maßgeblich mitgestalten.

Nina Smidt

Nina Smidt ist seit dem 1. April 2020 Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung. Vor ihrer Tätigkeit für die Siemens Stiftung war sie von 2011 bis 2020 Bereichsleiterin für Internationale Planung und Entwicklung in der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und von 2006 bis 2011 Geschäftsführerin der Bucerius Education GmbH an der Bucerius Law School in Hamburg. Von 2010 bis 2020 leitete sie zudem die amerikanische Stiftungstochter der ZEIT-Stiftung in New York als Präsidentin. Zuvor war Nina Smidt Stellvertretende Geschäftsführerin am International Center for Graduate Studies der Universität Hamburg und Programm-Managerin im Bereich Kommunikation an der Jacobs University in Bremen.

https://www.siemens-stiftung.org/