Interview

Roger Spindler: „Wir brauchen Räume, die Denken zulassen und stimulieren“

von Klaus Lüber
veröffentlicht am 24.05.2022
Lesezeit: 5 min

Die Fachtagung „Dimension Digitalisierung – Schule stärken“ widmet sich 2022 dem Gesamtsystem Schule. Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit Schule erfolgreich in der digitalen Transformation bestehen kann? Der Bildungsexperte Roger Spindler liefert im Interview Impulse.

Gemeinsam mit der Ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK) und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein veranstaltet das Forum Bildung Digitalisierung am 23. und 24. Mai 2022 die Fachtagung „Dimension Digitalisierung“. Unter dem Schwerpunkt „Schule stärken“ widmet sich das Programm in diesem Jahr auf das ganzheitliche System Schule. Roger Spindler hielt die Keynote zum Auftakt mit dem Titel „Konzentration, Innovation und Überraschung – Weichenstellung für die Schule der Zukunft“.

Schule muss sich radikal wandeln, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Doch was heißt das eigentlich ganz konkret? Wieviel moderne, digitale Lebenswelt sollten pädagogische Konzepte aufnehmen ohne diese lediglich zu spiegeln? Wo sollte digitale Hilfsmittel genutzt werden, um Akteure besser zu vernetzen? Und welche Bedeutung wird das Analoge in Zukunft spielen? Darüber haben wir mit Roger Spindler, Lehrer, Zukunftsforscher und Bildungsvisionär, gesprochen.

Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

Zur Person

Roger Spindler ist Leiter Höhere Berufsbildung und Weiterbildung der Schule für Gestaltung Bern und Biel. Er befasst sich mit den Fragestellungen rund um das Thema Bildung sowie den Herausforderungen der Digitalisierung in Medien und Wissensgesellschaft. Er ist als Referent für das Zukunftsinstitut in Frankfurt zu den Veränderungen und Entwicklungen in den Bereichen Bildung, Gesellschaft, Arbeitswelt und Medienwandel tätig.

Lieber Herr Spindler, Sie sagten neulich, Schule müsse auf den Start-Screens der Smartphones Jugendlicher stattfinden. Ist das bewusst provokant formuliert?

Nein, ich meine das wirklich so. Ab einem gewissen Alter ist das Smartphone einfach der tägliche und vielleicht sogar wichtigste Begleiter für Schüler:innen. Beinahe das ganze Leben wird dort organisiert. Ich habe mir das selbst bei unseren Schüler:innen angeschaut und war ziemlich überrascht und fasziniert zugleich. Also, alles, was das Leben organisiert, ist auf diesem Smartphone zu finden. Nur die Schule nicht. Und das kann einfach nicht sein. 

Nun wird aber doch immer wieder darauf hingewiesen, dass wir in den letzten Jahren zu techniklastig diskutiert hätten. Und uns jetzt endlich damit beschäftigen müssten, wie wir Digitaltechnik pädagogisch sinnvoll einsetzen.

Das unterstütze ich voll und ganz. Ich bin auch nicht der Meinung, dass der Unterricht auf dem Smartphone stattfinden soll, da kommen wir auch ganz gut ohne digitale Devices aus. Aber Schule muss eben auch einen Platz auf den Geräten der Schüler:innen haben. Und zwar ganz konkret in Form einer App, einer verbindlichen und einheitlichen Kommunikationsplattform, die es für alle Beteiligten erleichtern, miteinander im Austausch zu bleiben. Und diese App muss genauso charmant und einfach zu bedienen sein, dass die Schüler:innen sagen: OK, die will ich neben WhatsApp oder Snapchat auf meinem Startbildschirm haben.

Das klingt fast ein wenig anbiedernd. So, als ob Schule mit den Aufmerksamkeitsstrategien kommerzieller Apps mithalten müsste.

Anbiedern wäre sicher falsch. Trotzdem finde ich, dass Schule auch die Verantwortung hat, die Lücke zwischen Lernräumen und Lebenswelt so gut es geht klein zu halten. Es darf an dieser Stelle nie um die Technik alleine gehen, sondern immer um die Inhalte und die Art und Weise, wie wir mit Wissen umgehen. Wir leben nun mal in einer zunehmend vernetzten Welt und Schule ist ein Teil davon.

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»Schule muss die Schüler:innen dazu befähigen, Wissen oder Informationen beurteilen zu können, um daraus Konsequenzen für das eigene Handeln abzuleiten.«

Roger Spindler

Wenn wir von Inhalten sprechen. Was ist es denn genau, was Schule vermitteln sollte in einer Kultur der Digitalität, wie es immer so schön heißt?

Die einfachste Antwort wäre: die inzwischen hinlänglich bekannten und diskutierten 21st Century Skills, also Kommunikation, Kollaboration usw. Ich finde aber, man muss sich dann auch noch einmal genauer fragen, um was es hier im Kern geht. Und das ist meiner Meinung nach selbstständiges Denken. Wie komme ich aus reinem Wissen heraus ins Denken? Und zwar so, dass ich in einem hochreaktiven Prozess Ideen entwickeln kann, die neu und unerwartet sind, die aber nicht einfach zufällig entstanden sind, sondern das Ergebnis eines Denkprozesses waren.

Sie meinen das Denken in Kontexten?

Genau. Kontextwissen ist für mich der zentrale Punkt hier. Da sehe ich die Aufgabe von Schule. Sie muss die Schüler:innen dazu befähigen, Wissen oder Informationen beurteilen zu können, um daraus Konsequenzen für das eigene Handeln abzuleiten. Und das stellt Schule für mich zu einem großen Teil auf den Kopf. Man muss den Gedanken nämlich konsequent zu Ende denken. Es ist für mich unverständlich kompetenzorientierten Unterricht einzuführen, wie das erfreulicherweise ja an immer mehr Schulen der Fall ist, die Schüler:innen am Ende dann aber durch Standard-Prüfungssettings zu jagen.

Welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit Schule sich erfolgreich transformieren kann?

Ich wünsche mir Freiheit, das eigene Handeln bis zu einem gewissen Grad selbst zu bestimmen. Und dass Lehrer:innen sich diese Freiheit auch nehmen. Das geht natürlich nur mit Vertrauen auf institutioneller Ebene, angefangen bei den Schulleitungen und weiter zur Politik. Auch die Eltern spielen hier eine wichtige Rolle. Und dann brauchen wir neue Räume. Und war solche, die Denken zulassen und stimulieren. Wir sollten hier wirklich den Impuls aus der Coronazeit mitnehmen, in der so viel und auf kreative Weise improvisiert wurde. Wir müssen also kreative, neue Lernumgebungen entwickeln. Auch deshalb, weil es sonst andere für uns übernehmen. Das Metaverse wird kommen, ob wir es wollen oder nicht. Auf diese Entwicklung müssen wir uns einlassen. Gleichzeitig aber dafür sorgen, dass wir auch im Analogen inspirierende Räume bereitstellen. Räume die zu Inspirations- oder Resonanzräumen werden. Hier sehe ich einen großen Nachholbedarf.

Klaus Lüber

Klaus Lüber studierte Kulturwissenschaft, Publizistik und Philosophie in Berlin und München. Als freier Redakteur und Autor arbeitet er unter anderem für den F.A.Z.-Verlag, die Volkswagenstiftung und den Thinktank iRights.Lab. Zu seinen Lieblingsthemen zählen Innovation, Digitalisierung und Bildung. Er lebt und arbeitet in Berlin.

https://www.klauslueber.de/